Zum Eimsbütteler „Monat des Gedenkens”

Eimsbuettel Gedenkmonat
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Eimsbüttel – ein Stadtteil ohne Täter
Zum Eimsbütteler „Monat des Gedenkens”

Im April und Mai 2015 findet zum zweiten Mal der “Monat des Gedenkens” in Eimsbüttel statt. Der Untertitel lautet: „Erinnern an Opfer und Widerstand während des NS-Regimes“.

Von Tätern ist in der Ankündigung keine Rede. Unter den 60 Veranstaltungen gibt es tatsächlich nur zwei, die Täter konkret benennen. In der flotten Ankündigung des Anzeigenblattes „Eimsbütteler Nachrichten“ ist auch dafür kein Platz:

„In den Kammerspielen hört ihr am Samstag jüdische Schlager. Am Sonntag könnt ihr dabei helfen, die Stolpersteine blank zu polieren. Neben Theatern wie den Kammerspielen und dem Mut!Theater ist auch das Abaton dabei, genauso wie diverse Kirchenverbände, Bürgerinitiativen und die Bezirksversammlung. Die Projekte der Eimsbütteler Erinnerungskultur präsentieren sich mit einem bunten Spektrum der Gedenkarbeit, in der an den Rand gedrängte Geschichte der lokalen Aufmerksamkeit wieder zugänglich gemacht wird.

Dass die zur Staaträson gewordene Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen überwiegend ohne Täter auskommt, fällt auf lokaler und familiärer Ebene besonders auf. Die Lokalgeschichte und die eigene Familiengeschichte extistieren völlig unverbunden neben christlich getönten Gedenkritualen. Während zu den NS-Opfern heute auch deutsche „Bombenopfer“ gezählt werden, fragt kaum jemand, wer in der näheren Umgebung oder in der Familie an den NS-Verbrechen beteiligt war. Dadurch werden die wirklichen Opfer der deutschen Verbrechen zu Opfern eines mythologischen „Bösen“, einer das Weltgeschehen negativ beeinflussenden Macht. Sie sind womöglich dafür verfolgt oder ermordet worden, um deutsche Stolperstein-Paten von ihren Sünden frei zu machen.

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Die Auslassung der lokalen und familiären Tätergeschichte ist dann auch der Hauptgrund dafür, dass der Eimsbütteler „Monat des Gedenkens” vor allem aus Kulturveranstaltungen besteht.

Gerade weil man von der Tätergeneration nicht reden will, flüchtet man sich in die spirituelle Dimension eines MEDIUMS, in die mediale Vermittlung durch Theater, Film, Lesungen. Hier, in der unpersönlichen Zone, können dann die Tränen fließen. Man ist gerührt – vor allem von sich selbst. Die Psyche tritt zu einem transzendenten Erlebnis an – zur Imagination einer Einheit mit den Opfern – das schließlich mit der eigenen Wiederauferstehung endet.

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Doch wie schon im Fall der TV-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder im Fall der „Verbrechen der Wehrmacht“ hat auch die Frage nach den lokalen oder familiären Tätern inzwischen ihre Relevanz verloren. Darin besteht die entscheidende Veränderung seit der „Überwindung“ der Kontoversen in den 1990er Jahren und der darauf folgenden erfolgreichen Etablierung der neuen deutschen Erinnerungskultur seit Anfang der 2000er Jahre.

Zum einen stehen „vor Ort“ für den Fall, dass es Täter im sozialen Umfeld oder in der Familie gibt, längst Entschuldigungs- und Rechtfertigungstheorien zur Verfügung. Es gilt als ausgemacht, dass die Täter an den Verbrechen nur teilgenommen hatten, weil sie in der Angst gelebt hätten, bei nicht-gruppenkonformem Verhalten selbst ins KZ zu kommen. Oder – weniger dramatisch – weil sie sich von der „Situation“ haben „verführen“ lassen :

Na ja, man muss sich ja mal überlegen, in welchen Situationen unsere Väter oder Großväter gewesen sind. Die haben zweifellos mitgemacht, sie haben zweifellos diesen Krieg ausgefochten, sie haben zweifellos die Juden verfolgt, und so weiter und so fort. Das ist alles überhaupt nicht zu bestreiten. Aber sie sind zugleich auch hereingelegt worden, sie haben sich zum Teil verführen lassen, sie haben zum Teil nicht richtig gewusst, was sie taten. Die sind Menschen gewesen, genau wie wir. Nur glücklicherweise sind wir nicht in so einer Situation“. (Der Althistoriker Christian Meier in Deutschlandradio Kultur am 29.4.2015).

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Vor allem aber spielt es für den Zweck des Eimsbütteler „Monats des Gedenkens” gar keine Rolle, wer es gewesen ist. Der Nachweis einer konkreten Täterschaft ist für die politische Gegenwart inzwischen ohne jede Bedeutung, weil sich das deutsche Gedenkkollektiv inzwischen insgesamt in der Phase des Happy Ends befindet:

ALLES IST GUT! Deutschland ist vereint und man ist stolz darauf. Deutschland ist erfolgreich. Deutschland ist respektiert in der Welt. Deutschland ist das Land der Träume für Menschen in vielen anderen Ländern. Das Goethe-Institut meldet eine Rekordbeteiligung bei deutschen Sprachkursen. Der deutsche Billiglohnsektor, die geringe Zahl der Streiks und die deutsche Technikbegeisterung faszinieren die Eliten in den unterlegenen Ländern. Und obendrein ist Deutschland auch noch Erinnerungsweltmeister – die vom deutschen Staatsfunk produzierten Filme über Hitler & Co. sind Marktführer von Indien bis Afrika.

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Beim seit 2014 existierenden Eimsbütteler „Monat des Gedenkens” will niemand wissen oder thematisieren, warum es diese Veranstaltung nicht schon seit 20 oder 40 jahren gibt, sondern erst JETZT.

Womit waren die Leute, die heute Stolpersteine putzen, eigentlich in den Jahrzehnten davor beschäftigt? Haben sie abgewartet bis die Tätergeneration unter der Erde liegt und das Erbe ausgezahlt war?

In Eimsbüttel tut man so, als sei das „Gedenken an die NS-Opfer“ Ergebnis eines jahrzehntelangen mutigen zivilgesellschaftlichen Engagegements, das jetzt endlich Erfolg hat.

Man will nichts davon wissen, dass der Eimsbütteler „Monat des Gedenkens” nichts anderes ist als die lokale Umsetzung der von oben verordneten „gedächtnispolitischen Neupositionierung der Bundesrepublik“, in der die außenpolitischen Notwendigkeiten und der innenpolitische Konsens miteinander vermittel werden.

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Bezirksversammlung
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Seit 1990 entwickelt sich im ’neuen’ Deutschland ein Nationalgefühl, wie es vorher in der BRD und in der DDR nicht gekannt wurde. Diese positive Bezugnahme auf Deutschland und deutsche Symbole steigerte sich mit jeder neuen Stufe der erinnerungskulturellen „Wiedergutwerdung“. Je „geläuterter“ Deutschland sich darstellt, desto mehr Deutschlandfahnen werden geschwungen. Der „unverkrampfte Patriotismus“ wird von Staat & Medien gleichzeitig angeheizt und kontrolliert.

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