Georges-Perec-Entdeckungsabend

Kampnagel
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LINKS: Georges Perec ist in Deutschland jetzt bei Facebook. MITTE: Nationalkabarett St.Pauli-Theater/Polittbüro. RECHTS: Kabarett-isierung der Linken (Werbung für Alma Hoppe-Lustspiel und Polittbüro).

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Kirchen, ETV und Stolperstein-Gruppen werden beim Eimsbütteler Gedenkmonat umrahmt von allen Genres der Kultur: Kino, Theater, Kabarett, Lesungen. Es handelt sich fast durchweg um kommerzielle Veranstaltungen, für die Eintrittsgeld zu zahlen ist. In den meisten Fällen wird ein ohnehin laufendes Programm einfach dem „Gedenkmonat“ zugeschlagen. Geschäftlich unterwegs sind auch am „Gedenken“ beteiligte Kleinkünstler mit eher prekärer Existenz. Für sie bietet der Gedenkmonat eine Bühne und die Möglichkeit zu Anträgen auf staatliche Fördergelder. Einer, der in diesem Sinn immer dabei ist, ist Thomas Ebermann. Er nimmt am Lese-„Marathon“ teil, wirbt für das Kabarett „Polittbüro“ und wird immer wieder fündig auf der Suche nach fremden Texten (zuletzt Marcuse), die sich mit Fördergeldern der Kulturbehörde (auch zur Zeit des Beust-Senates) kommerzialisieren lassen.

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Im Rahmen des Eimsbütteler Gedenkmonats 2015 warb Ebermann für einen „Georges-Perec-Entdeckungsabend“. Der Grund der Entdeckerfreude – „Seit einigen Jahren wird der französische Autor Georges Perec hierzulande wiederentdeckt“ – wird nicht verheimlicht: „Mit etwas Glück wird das ganze Stück 2016 in Hamburg auf die Bühne kommen. Unterstützt von der Kulturbehörde Hamburg.“ Eine facebook-Seite ist schon am Start.

Dieser Beitrag unterscheidet sich nicht wesentlich von dem der Stolperstein-Gruppe.

Der 1936 geborene und 1982 verstorbene Georges Perec war ein jüdischer Schriftsteller. Der Vater fiel im Kampf gegen die Wehrmacht, die Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Viele von Perecs Texten sind von den traumatischen Erinnerungen an den Naziterror geprägt und haben diese oft auch explizit zum Thema. Dass ihn hier – anders als in Frankreich – kaum jemand kennt, ist so schlüssig wie die Tatsache, dass er HEUTE plötzlich „entdeckt“ wird. Aus dieser Entdeckung jetzt umgehend Kapital bzw. Fördergeld schlagen zu wollen (im Wettlauf mit anderen, die da auch schon darauf gekommen sein könnten), ist hinreichend geschmacklos und es ist zugleich mehr als fragwürdig, Literatur schon „verfilmen“ zu wollen, bevor sie überhaupt gelesen wurde.

Auch auf diese Weise wird eine „Opferbiographie“ integriert ins das Selbstbild der Berliner Republik und ihres Eimsbütteler Unterbezirks.

Aus der Nazi-Zeit wird ein kultureller Mehrwert herausgefiltert und für das Golem- bzw. Kampnagel-Kultur-Publikum, das die Diskurse, Rituale und Codes schon kennt, zu einer schönen Abendunterhaltung aufbereitet.

Man macht das bereits unter der Voraussetzung, dass ein Perec-Zitat in der Berliner Republik von heute keine politisch relevante Anklage mehr ist, sondern eher eine Bereicherung der staatlichen „Gedenklandschaft“ und ihrer bloß symbolischen Schuldbekenntnisse. Sonst würde es auch keine Kultur-Fördergelder geben.

Eine Infragestellung dieser Konstellation – also ein Angriff auf den Erinnerungsweltmeister – ist für „Kulturschaffende“ wie Ebermann schon lange kein Thema mehr. Nicht einmal die Frage wird gestellt, wie man Perec, dessen Familie von den Deutschen umgebracht wurde und der ohne diese Tatsache, SO nicht geschrieben hätte, davor schützen kann, unfreiwillig den Deutschen von heute zur Unterhaltung zu dienen. (Das Kulturpublikum will nicht wissen, welche Fronttruppen dem Vater von Georges Perec zum Verhängnis wurden und wer die Sammelstellen organisierte, von denen aus die Mutter nach Auschwitz deportiert wurde).

So trägt die „Kulturszene“ zur Festigung der „zivilgesellschaftlichen“ und staatstragenden neuen „Erinnerungskultur“ bei.

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Literaturhinweis
Die deutsche Reue heißt Stalingrad. Kein Vergleichen, kein Verzeihen, nichts wieder gutzumachen. Die Versöhnungsverweigerung des französischen Philosophen Vladimir Jankélévitch. In: Jankélévitch. Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2003.

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Erinnerungs-KULTUR
Golem
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Am 20.Juni 1991 stimmte der Deutsche Bundestag mehrheitlich dafür, Berlin zum deutschen Regierungssitz zu machen. Mit dem Beschluss von 1994, nicht mehrheitlich neu zu bauen, sondern Altbauten zu nutzen, erfolgte auch die Weichenstellung zum Einzug in berühmt-berüchtigte Nazi-Bauten wie z.B. in das frühere NS-Propagandaministerium. Allein die Umnutzung dieser Nazi-Bauten – darunter das Innenministerium, das Ministerien für Luftfahrt sowie die Reichsbank – kostete mehrere Milliarden Mark. Etwas anders wurde die „belastete Vergangenheit“ beim Reichstag entsorgt. Vor dessen Umbau ließ man das Symbol deutscher Reichsgröße vom 23.Juni bis 6.Juli 1995, von dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude mit Tüchern verhüllen. Was danach wieder enthüllt wurde, sollte ein symbolisch gereinigter REICHStag sein – als unproblematischer Ort für den BUNDEStag der größeren Berliner Republik.

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