Es gibt Völker, die uns um die Stolpersteine beneiden

Bezirksversammlung
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Der Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“ musste GEGEN niemand durchgesetzt werden:

„Nachdem die Bezirksversammlung Eimsbüttel (in Hamburg ein Organ der staatlichen Verwaltung) die Einrichtung eines Gedenkmonats beschlossen hatte, gründete sich eine offene Arbeitsgemeinschaft, in der ALLE mitwirken können, die sich an Veranstaltungen beteiligen bzw. eigene Aktivitäten entwickeln möchten. Einen ganzen Monat lang präsentieren Initiativen, Kultureinrichtungen, Kirchengemeinden, Stadtteilvereine, Schulen, Gruppen und Institutionen Projekte der lokalen Eimsbütteler Erinnerungskultur: ein buntes Spektrum der Gedenkarbeit.“

Das Geleitwort zum Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“ steuert mit Mechthild Führbaum eine sozialdemokratische Bezirkspolitikerin bei, die 2005 als Mitglied des Kerngebietsausschusses die Privatisierung der letzten großen öffentlichen Erholungsfläche im dicht bebauten Eimsbütteler Kerngebiet zugunsten eines evangelikalen Klinikkonzerns betrieb (Bebauungsplan Eimsbüttel 9).

Gleich in den ersten Sätzen werden Opfer und Täter zur gemeinsamen Gruppe der Traumatisierten:

„Vor 70 Jahren lag Hamburg in Trümmern. Die wahre Tragik dieser grauenhaften Geschehnisse findet sich in den tiefen seelischen Wunden und geistigen Narben wieder, die davon getragen wurden.“

Hamburg, Trümmer, Wunden, Narben – es ist der Code den alle verstehen. Die Eimsbütteler sollten sich deshalb an „den Terror, das Grauen und die Konsequenzen aus dieser dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte zu erinnern.“ Führbaum lässt offen, was sie mit „Terror und Grauen“ meint, aber sie verrät es durch das Bild von der „dunkelsten Stunde“.

Genau so haben die Deutschen den 8.Mai 1945 empfunden – als den totalen Zusammenbruch nach dem „totalen Krieg“. Beim Waffenstillstand 1918 war die Front von der Reichsgrenze weit entfernt. Diesmal waren die Truppen der Antihitlerkoalition kämpfend ins Reichsinnere vorgedrungen. Die Deutschen hatten keinen Staat und keine Regierung mehr. Eine „dunkle Stunde“ eben.

Unvermittelt fährt Führbaum fort:

„Das Morden, die Verfolgung begann nicht im fernen Auschwitz oder Treblinka, sondern vor der eigenen Haustür, in der Nachbarschaft, in der Straße.“

Wer waren die Mörder und Verfolger? Jedenfalls niemand aus dem Kreis der Eimsbütteler Bürger, denn alles geschah VOR ihrer Haustür, während sie selbst DAHINTER blieben. „Daran erinnern“, fährt Führbaum fort, „in Hamburg heute 4825 Stolpersteine. Mit über 50.000 verlegten Stolpersteinen ist dieses Erinnerungsprojekt das wohl größte in Europa und weltweit.“

Ja, Deutschland ist Erinnerungsweltmeister und Eimsbüttel ist an diesem Titel mit 10 Prozent beteiligt! Führbaum denkt wie Professor Eberhard Jäckel, der über das Berliner Holocaust-Mahnmal die irre Aussage machte: „Es gibt Völker, die uns um das Mahnmal beneiden.“

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Teilnehmer

Teilnehmer am Eimsbütteler Monat des Gedenkens sind unter anderem:

• Apostelkirche – Ev.-Luth. Kirchengemeinde
• Bezirksversammlung Eimsbüttel
• Eimsbütteler Turnverband e.V.
• Ev.-Luth. Kirchengemeinde Eimsbüttel
• Ev.-Luth. Adventskirche und Christophorushaus
• Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schnelsen
• Golem Große Elbstraße (Thomas Ebermann)
• Grindel leuchtet. Eine Anwohnerinitiative.
• Kreisvorstand GRÜNE Eimsbüttel, Geschäftsstelle
• Vers- und Kaderschmiede Thomas Ebermann Polittbüro
• Aktion Bücherverbrennung Nie Wieder! – 15. Marathonlesung aus verbrannten Büchern.

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Teilnehmer der „Marathonlesung – Bücherverbrennung Nie Wieder!“ waren bisher unter anderen:

Hauptpastor Helge Adolphsen, Thomas Ebermann, ETV-Vorsitzender Frank Fechner, Bischöfin Kirsten Fehrs, Bischöfin Maria Jepsen, Hauptpastor Alexander Röder, Ex-Bürgermeister Ortwin Runde, Vizebürgermeisterin Dorothee Stapelfeldt, Karin Freifrau von Welck, 2004 Kultursenatorin von Ole von Beust, seit 2007 Präsidiumsvorstand des Evangelischen Kirchentages.

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Über jede dieser Institutionen und Personen (und auch über die meisten der hier nicht extra aufgezählten) müsste eine Geschichte erzählt werden. Zum Beispiel über die verschwiegene Nazi-Geschichte der beteiligten Kirchengemeinden. Seit Jahren veranstalten sie Gedenkgottesdienste für nicht weiter eingegrenzte „NS-Opfer“, aber verlieren kein Wort über die NSDAP-Mitgliedschaft ihrer Pastoren, über ihre Rolle bei der Euthanasie oder darüber wie sie nach 1945 Nazis zur Flucht verholfen haben. Die Fotos von ihren Umzügen durch Eimsbüttel mit Hakenkreuzfahnen sind im Internet nicht zu finden. Eisern geschwiegen wird auch über Nazi-Pastoren, die Geschäftsführer von Eimsbütteler Krankenhäusern waren:

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• Das Eimsbütteler klerikale Krankenhaus Elim entstand 1927 als “Erweckungsbewegung” einer aggressiv auftretenden evangelistischen Gruppe mit rund 3000 Mitgliedern. Ihr Chefprediger Friedrich Heitmüller, ein stadtbekannter Demagoge, trat 1933 der NSDAP bei und schrieb das Buch „Sieben Reden eines Christen und Nationalsozialisten“.

• Das Eimsbütteler klerikale Krankenhaus Alten Eichen war bis zum Ende der Nazi-Zeit ein „Krüppelheim“. Seine Rolle bei der Sterilisation von Behinderten wurde nie aufgeklärt. Über den Verbleib des nie genutzten Archivs seit dem Umzug in die Agaplesion-Klinik ist nichts bekannt. Geleitet wurde Alten Eichen von dem Nazi-Pastor Adolf Stahl. Er war lange Herausgeber der Zeitschrift “Innere Mission” und seit 1932 NSDAP-Mitglied.

• Das Eimsbütteler klerikale Krankenhaus Agaplesion gehört den evangelikalen Methodisten. Die „Freikirchen“ waren besonders fanatische Anhänger der Nazis, weil sie von diesen gegenüber den Landeskirchen aufgewertet wurden. Die Methodisten nannten z.B. den Judenboykott in Stellungnahmen für das Ausland „angebliche Judenverfolgungen und Greueltaten“ und denunzierten Berichte darüber als „Versuch, die entsetzliche Gräuelpropaganda des Weltkriegs neu aufleben zu lassen“.

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Nichts ist verlogener als der Satz auf der Homepage zum Eimsbütteler Gedenkmonat: „Gedenken und Erinnern beginnt in unserer Nachbarschaft“. Niemand hat hier vor, die Nazi-Geschichte von Eimsbütteler Firmen, Haus- und Grundeigentümern, Kirchen, Vereinen und Behörden zum Thema zu machen oder gar die NS-Biographie des eigenen Erb-Onkels.

Und nichts ist vor diesem Hintergrund bezeichnender als der Titel des Beitrag der Kirchengemeinde Eimsbüttels zu diesem Gedenkmonat: „Heimliche Helferinnen und Helfer“. Es soll um nicht näher benannte „Menschen aus unserem Stadtteil“ gehen, die zwischen 1993 und 1945 Verfolgten geholfen haben. Ihr Handeln sei „meist nur überliefert in Berichten der Verfolgten“. Die wenigen Menschen, die so etwas taten, darunter mehr Kommunisten als Christen, werden im Nachhinein von einer Stadteilkirche vereinnahmt, die ihre Nazi-Pastoren versteckt. Genau so funktioniert das Eimsbütteler Gedenken.

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Das gilt auch für den ETV.

Jahrzehntelang wollte die Eimsbütteler „Zivilgesellschaft“ von der Nazi-Geschichte des ETV nichts wissen, weil sie selbst ein Teil davon war. Nachdem der ETV 2006 durch Enthüllungen der Initiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes gezwungen war, seine große Halle nicht mehr nach dem Nazi Robert Finn zu benennen, tat man alles, um die Deutungshoheit über die eigene Nazi-Geschichte zurück zu gewinnen. Den Gefallen tat dem ETV für ein gutes Honorar eine freie Historikergruppe um Hannes Heer, die es fertig brachte, im ETV keinen einzigen Täter zu finden, obwohl bzw. gerade weil es zu diesem Zeitpunkt noch viele ETV-Mitglieder aus der Tätergeneration gab.

Dieses Ergebnis gilt in Eimsbüttel als vorbildliche „Vergangenheitsbewältigung“ (sogar die Hakenkreuze hängen noch am ETV-Gebäude), weshalb der Vereinsvorsitzende jetzt auf Kirchentagen über Vergangenheitsbewältigung predigt und bei der Marathonlesung aus verbrannten Büchern liest. Gleichzeitig wird der ETV nicht müde sein früheres Mitglied Walter Jens zu feiern, ohne nur ein einziges Mal auf dessen NSDAP-Mitgliedschaft hinzuweisen.

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Exkurs

Die Nie wieder Bücherverbrennung-Heuchelei

In der Aktion „Bücherverbrennung Nie Wieder! – 15. Marathonlesung aus verbrannten Büchern“ ist der Eimsbütteler Gedenkmonat wohl am besten auf den Begriff gebracht:

• Absolut unriskant für die Teilnehmer. • Das bloße Dabei-Sein garantiert die Mitgliedsachaft bei den Guten. • Man muss niemand beschuldigen, der einem dafür böse sein könnte. • Die Gefahr, Eimsbütteler Täter beim Namen nennen zu müssen, gibt es nicht. • Einen Zusammenhang mit der Nazi-Geschichte 100 Meter weiter (ETV, Elim, Kaifu-Bad, Kaifu-Gymnasium) muss nicht hergestellt werden. • Man muss auch keinen Bezug zu aktuellen Ereignissen herstellen.

Bücherverbrennung Nie Wieder!“? Das „Nie wieder“ ist hier eine Floskel jenseits von Zeit und Raum. Eigentlich ist man insgeheim sicher, dass so etwas nie wieder passiert. Jedenfalls nicht im netten Eimsbüttel. Darauf, dass es tatsächlich auch heute Bücherbrennung gibt, ist man bisher nicht gekommen.

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Die jüngste versuchte Bücherverbrennung war der islamistische Anschlag auf eine Mohammed-Karikaturen-Ausstellung in Texas Anfang Mai 2015. Die letzte vollendete Bücherverbrennung war der islamistisch motivierte Terroranschlag auf Charlie Hebdo im Januar 2015. Die Autoren wurden gleich mit verbrannt. Seit der Morddrohung des islamischen Gottesstaates gegen die „Satanic Verses“ von Salman Rushdie gab es viele versuchte und viele vollendete Bücherverbrenungen, und oft in Verbindung mit Morden an den Autoren. Doch davon will man in Eimsbüttel nichts wissen. Da würden auch die vielen Pastoren und Bischöfe nicht mitmachen, weil Bücherverbrennung in Gottes Namen nicht benannt werden darf – wegen der Ökumene und weil man ja islamischen Religionsunterricht will, damit es keinen Einwand gegen den eigenen gibt. Das Thema Büchverbrennung muss schon deshalb in Eimsbüttel unbedingt auf 1933 beschränkt bleiben.

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Gottesdienst

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Das Beispiel zeigt, dass für den Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“ nicht nur das GESAGTE, sondern – noch mehr – das UNGESAGTE, das Wegschauen, das Verschwiegene und Verleugnete charakteristisch ist. Das Verschweigen (von Tätern, Tatorten in Eimsbüttel, Bücherverbrennungen „im Namen Gottes“ etc.) ist geradezu eine Voraussetzung für das Zustandekommen dieses halbstaatlichen Gedenkmonats.

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Die Behauptung: „Zuerst brannten die Bücher“ entspricht NICHT den historischen Tatsachen. Warum wird sie trotzdem aufgestellt?

Maonat des Gedenkens

„Zuerst“ brannten nicht die Bücher, sondern am 28. Februar 1933 der Reichstag, gefolgt von einer brutalen Verhaftungswelle. Schon am 21. März wurde das Konzentrationslager Dachau errichtet und zehn Tage später das KZ Wittmoor bei Hamburg. Am 1. April begannen dann in ganz Deutschland die als „Judenboykott“ bezeichneten Repressalien gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien. In Hamburg waren 20.000 Personen betroffen. Neben den Innenstadt-Kaufhäusern vor allem die Eimsbütteler Juden. Und die Eimsbütteler machten mit. Boykotte und antijüdische Gewalttaten gehörten schon seit Mitte der 1920er Jahre zum jüdischen Alltag. Im Februar 1933 griffen SA-Trupps verstärkt jüdische Geschäftsinhaber an und ermordeten einige von ihnen; nach den Reichstagswahlen am 5. März, nahmen diese Angriffe erneut zu. Schließlich wurde am 7. April das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, um jüdische Beamte aus dem Dienst zu entfernen. Am 2. Mai wurden die Gewerkschaften verboten und erst am 10. Mai fand in Berlin die erste Bücherverbrennung statt.

Es brannten also nicht „zuerst die Bücher“. Judenboykott, Enteignung, Mord – das ist die Reihenfolge. Es ist offensichtlich, warum man in Eimsbüttel trotzdem die Bücherverbrennung nicht nur in den Mittelpunkt stellt, sondern mit diesem Datum den nationalsozialistischen Terror beginnen lässt: Man redet von den Büchern, um nicht über den eliminatorischen Antisemitismus reden zu müssen, der die Essenz der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft bildete.

Statt vom Antisemitismus ist in Eimsbüttel nur von „Vorurteilen“ gegenüber „Menschen mit einer anderen Religion oder Nationalität“ (Gedenktafel der Behörde am Unnapark) die Rede. Vom mörderischen Antisemitismus der Deutschen – also auch dem der Eimsbütteler – handelt keine einzige Veranstaltung dieses Gedenkmonats! Man putzt Stolpersteine und will über den zentralen Antrieb der Verfolger nicht reden. Die ganze teuflische Maschinerie des Nationalsozialismus folgte ja keinem Vorurteil (über „jüdische Religion“ oder jüdische „Nationalität“), sondern der wahnhaften Projektion, wonach die imaginierten Juden das „Unglück“ der Deutschen seien. Die Ermordung der mit einem gelben Stern als Juden markierten Menschen, erfolgte laut diesem Wahn zur Rettung der Deutschen. Über diese Wahrheit, mit der die Frage nach dem Ausmaß der Mittäterschaft verbunden ist, soll in Eimsbüttel niemand „stolpern“.

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Anmerkungen:

• Die historisch und politisch falsche Darstellung „Zuerst brannten die Bücher“ ist so fast nur in Eimsbüttel üblich. Sie tauchte erstmals 1983 in einem Artikel des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ auf (Jürgen Novak: Zuerst brannten die Bücher … Der Tag der faschistischen Autodafés wurde bei uns zum „Tag des freien Buches“, ND vom 10. Mai 1983), wurde dort aber nicht wiederholt. Vielleicht hat sich jemand in Eimsbüttel damals den Artikel ausgeschnitten?

• Aktionen zur Bücherverbrennung in anderen Städten zitieren aus Heinrich Heines Tragödie Almansor (1821) den Satz: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
 verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ In Heines Stück geht es um Koranverbrennungen im Zusammenhang mit der Reconquista in Spanien im Jahr 1499.

• Die Bücherverbrennungen von 1933 waren allerdings kein „Vorspiel“; sie wurden vielmehr während des „Judenboykotts“ („Deutsche! Kauft nicht beim Juden!“) im April 1933 vorbereitet und als Antwort auf die „Greuelhetze des Judentums im Ausland“ nach diesem Boykott dargestellt. Der dazu veröffentlichte Aufruf „Wider den undeutschen Geist“ ist in erster Linie ein antisemitisches Pamphlet.

• Über diese Hintergründe wird beim Eimsbütteler Gedenkmonat kein Wort verloren. Ihre Erwähnung würde die den Antisemitismus ausblendende Behauptung „Zuerst brannten die Bücher“ widerlegen.

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Der Bücherverbrenner aus der FDP

Warum die Eimsbütteler
„Marathonlesung aus verbrannten Büchern“
nie vor dem Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung stattfindet.

Bezeichnend für den Eimsbütteler Gedenkmonat ist auch im Fall der Bücherverbrennung das absolute Desinteresse an den Tätern. Man fragt nicht einmal, warum die Nazis ausgerechnet das Parkufer am Isebek als Tatort ausgesucht haben. Dieser Teil von Eimsbüttel war eine besonders braune Gegend. Schon lange vor 1933 gab es hier mit der Christuskirche, dem Krankenhaus Elim und dem Eimsbütteler Turnverband gleich drei große deutschnational-antisemitische Institutionen. Hundert Meter entfernt vom Platz der Bücherverbrennung gab es die großen Hallen und Vereinskneipen des völkischen Eimsbütteler Turnverband (ETV). Vor den ETV-Gebäuden und auf den umliegenden Plätzen fanden die großen Aufmärsche von Bismarckjugend, Stahlhelm und SA statt.

Eine Täterforschung über den kleinen Kreis der NSDAP-Funktionäre hinaus, gab es in Eimsbüttel nie. Das Verbrechen wird mit den Opfern identifiziert, nicht mit den Tätern. Hier gilt bis heute, was Walter Boehlich im Mai 1983 anlässlich des 50. Jahrestages der Bücherverbrennung schrieb:

Vor dreißig Jahren – 1953 – hat sich außer ein paar Betroffenen niemand Gedanken über den 10. Mai 1933 gemacht. Das Leidige an der Angelegenheit war, dass die Täter zu dieser Zeit schon wieder sehr viel besser integriert waren als die Opfer und dass es ein heimliches Einverständnisses darüber gab, an diese alten Geschichten nicht zu rühren. Jetzt, fünfzig Jahre danach, purzeln die Titel (über die Bücherverbrennung) nur so, bei Suhrkamp und S. Fischer, bei Severin & Siedler, bei Hanser, bei Kiepenheuer und wo sonst nicht noch. Es tut keinem mehr weh. Aber trotz der vielen Titel zeigt sich, dass wir wenig Faktisches wissen – man wird endlich systematisch ermitteln müssen wie in einem gutgeführten Strafprozess …“

Auch Jürgen Serke, Autor des 1977 erschienenen Buches „Die verbrannten Dichter“, resümierte, als dieses 2002 wieder aufgelegt wurde: „Die Biografien der Täter waren im Nachkriegsdeutschland nicht selten publikumswirksamer als die Werke der Opfer.

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Einige der Eimsbütteler Bücherverbrenner sind immerhin bekannt. Zum Beispiel Wolf Meyer-Christian. Seine antisemitischen Schriften (u.a. „Die englisch-jüdische Allianz“, 1943. „Die Behandlung der Judenfrage in der deutschen Presse“, Juni 1944) sind bis heute Verkaufsschlager bei Ebay, Amazon und ZVAB. Wolff Heinrichsdorff, der Hauptorganisator der Eimsbütteler Bücherverbrennung wurde am 2. Mai 1945 von der Roten Armee erwischt, was er nicht überlebt hat.

Bis nach Eimsbüttel kam die Rote Armee nicht.
Das hatte zur Folge, dass mit Reinhold Schulze ein weiterer für die Bücherverbrennung verantwortlich Antisemit davon kam. Er lebte bis 1993, arbeitete als Ingenieur in Hamburg, wurde Mitglied der FDP und dann zweiter Chef der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Auch darüber hört man von den Marathon-Vorlesern kein Wort. Deshalb kann Müller-Sönksen vom FDP-Bezirksverband Eimsbüttel getrost in der Eimsbütteler Bezirksversammlung für den Gedenkmonat stimmen. Die Partei, die bis 1993 Schulzes politische Heimat war, kann sicher sein, dass ihr daraus niemand einen Vorwurf macht.

Das in den leeren Raum gerufene „Bücherverbrennung nie wieder“ hätte wenigstens einmal auch einen Adressaten, wenn es vor der Friedrich-Naumann-Stiftung in der Eimsbütteler Bundesstraße 44 skandiert würde. Das wäre dann allerdings das Ende des halbstaatlichen Gedenkmonats.

Reinhold Schulze ist übrigens bis heute in der FDP keine Unperson. Sein Förderer Werner Stephan, zeitweise enger Mitarbeiter von Goebbels und danach ebenfalls hoher Funktionär der Nauman-Stiftung, wurde noch 2006 im „Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung“ als „Liberaler in schwierigen Zeiten“ gewürdigt. Friedrich Naumann bekanntestes Werk heißt nicht zufällig „Nationalsozialer Katechismus“.

Noch viele andere Bücherverbrenner machten ähnliche Karrieren. Zum Beispiel wurde Heinz Wolff (1910 – 1987), der die Bücherverbrennung in Göttingen leitete, Stellvertretender Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung und Sprecher des Deutschen Presserates. Anlässlich der Bücherverbrennungs-Gedenkfeier 1983 sprach in Eimsbüttel übrigens neben Klaus von Dohnanyi auch Walter Jens, dessen NSDAP-Mitgliedschaft damals noch nicht bekannt war.

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Exkurs

Stolpersteine

Bemerkenswert ist auch die „Anwohner-Initiative: Der Grindel gedenkt der Opfer der Pogromnacht“.

Sie will in diesem Jahr mit christlichen „Kerzen in den Händen bei den Stolpersteinen ihrer ehemaligen Nachbarn gedenken“. Über das Jahr davor gibt es einen Stolpersteine-Film, in dem diese „Anwohnerinitiative“ hingebungsvoll damit beschäftigt ist, die Stolpersteine vor einem Mietshaus blank zu putzen und versucht, weitere „Putzpatinnen“ anzuwerben. Dieses Gedenken an tote Juden dient nur noch als psychohygienisches Wohlfühlritual für die Nachkommen der Täter. Lebendige Juden, z.B. Israelis findet man in diesen Milieus weniger gut. In NRW gehört zu den Stolperstein-Patinen die linke Antisemitin Inge Höger, die 2010 mit Grauen Wölfen und Islamisten auf der “Mavi Marmara” gen Israel fuhr.

Diese Art des Gedenkens funktioniert als eine Art Deckerzählung in Bezug auf die Täter. Man redet über die Opfer, um über Täter schweigen zu können. Davon abgesehen, dass viele Stolpersteine gegen den Willen der Angehörigen (die Tafeln an Hauswänden für würdiger halten als diese „Bodenlösung“) und fast immer ohne ausdrückliche Erlaubnis der Hinterbliebenen verlegt werden, kommt in Eimsbüttel niemand auch nur auf den Gedanken

Stolpersteine für Täter

vor den Häusern zu verlegen. Das würde auch keine Bezirksversammlung, keine Kirche und kein ETV mittragen. Wieso eigentlich will niemand einen Stolperstein vor dem Haus des Massenmörders Robert Mulka in der Eimsbütteler Isestraße verlegen? Auch Kurt Asche, „Eichmanns Mann in Brüssel“, verbrachte seinen Lebensabend – ausgestattet mit einer guten Rente – in einer schönen Altbauwohnung in Eimsbüttel. Kein Hinweisschild oder Stolperstein erinnert die vorübergehenden Eimsbütteler daran.

Auch nicht an die vielen Deutschen, die nicht als Massenmörder, sondern in anderen Funktionen an der Verfolgung beteiligt waren. Ungenannt bleiben in Eimsbüttel auch die Arisierungsgewinner. Dazu passt auch das Desinteresse des Eimsbütteler Gedenkmonats an den Eimsbütteler Curiohaus-Prozessen von 1949, in denen britische Militärgerichte deutsche Täter zum Tode verurteilten.

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In Stuttgart entstand aus dem Stolpersteine-Milieu heraus eine Gruppe, die tatsächlich auf die Idee kam, Stolpersteine auch für Täter zu verlegen. Auf die Täter stießen sie bei den Recherchen zu den Biographien der Opfer, für die ein Stolperstein verlegt werden sollte. Man kann also davon ausgehen, dass in den Stolperstein-Gruppen anderswo die bei Recherchen anfallenden Täter-Informationen systematisch ignoriert werden, also im Papierkorb landen. Die Stuttgarter Gruppe stieß sogar auf ein arisiertes Haus, vor dem Stolpersteine lagen und wo der Hausbesitzer die Opfer wahrscheinlich noch persönlich kannte! Als die Gruppe, die zuvor ein Buch über die Opfer veröffentlicht hatte, wofür sie viel Beifall bekam, ihre Täter-Recherchen ebenfalls veröffentlichen wollte, war unter dem Aktiven plötzlich niemand bereit, die Herausgeberschaft zu übernehmen: Man rechnete mit beruflichen und anderen Nachteilen. Zudem wurde die Gruppe von einem Täterenkel direkt verklagt.

Sowie man sich in Deutschland nicht mit Opfern, sondern mit Tätern beschäftigt, beginnt die Situation sofort zu eskalieren. Das wäre auch in Eimsbüttel so. Die Eimsbütteler wissen, was sie von dem halbstaatlichen Gedenkmonat haben – ihre Ruhe!

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Eimsbütteler Monat des Gedenkens
Stolpersteine – Fallbeispiel 1

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Die Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus

Gottesdienstwerkstatt
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Linkes Foto: St. Stephanus 1933. Die Evangelische Jungschar Eimsbüttel, eine Untergruppe des Eimsbütteler Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) orientierte sich an den führenden CVJM-Nazis Arnold Dannenmann (1907-1993) und Erich Stange (1888-1972). Dannenmann war Herausgeber des Buches „Jugend bekennt sich zu Christus und Nationalsozialismus“ (1933), an dem auch Stange mitgewirkt hatte. Dannenmann wurde in der BRD Vorsitzender des Bundesjugendrings und bekam das Bundesverdienstkreuz. Stange gründete in der BRD die evangelische Telefonseelsorge.

Rechtes Foto: St. Stephanus 2014. „Rundgang zu Stolpersteinen für vertriebene Bürger“ der „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus“ im Rahmen des ersten Eimsbütteler „Monats des Gedenkens“. Zu den Teilnehmern spricht Astrid Barth, Mitglied im Gemeinderat der Eimsbütteler Evangelischen Kirche.

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Eimsbuettel
Vergrößern mit Rechtsklick – – Als am 8. März 1933 in Hamburg mit den Stimmen der Deutschnationalen ein neuer Senat unter NSDAP-Führung gewählt wurde, feierte der CVJM diesen „Sieg“ mit einen martialischen „Appell der Jungschar mit Fackeln und Sturmfahnen“.

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Nationalsozialismus als Gottesdienst:
Die Nazis von St. Stephanus

Pastor der Eimsbütteler Stephanuskirche war von 1933 bis 1946 Johannes Klinkott (1899-1968), damals wohnhaft in der Eimsbütteler-Straße 22, Telefon 040-412842. Klinkott war „Deutscher Christ“ und Mitglied der NSDAP. Zugleich war er „Marine-Dekan“ in Wilhelmshaven. Die Kriegsmarinewerft Wilhelmshaven war damals die größte Marinewerft und Standort der 2. Marineflakbrigade der Marine-Artillerie-Abteilung. Als Zwangsarbeiter wurden dort 2000 Häftlinge aus dem KZ Wilhelmshaven und dem Gestapo-Straflager Schwarzer Weg eingesetzt. Als Militärpastor hat Klinkott von 1942 bis 1944 „Kriegstagebücher“ verfasst, die man in Eimsbüttel „entsorgt“ hat, die aber im Bundesarchiv noch vorhanden sind. Sie lassen an seiner antisemitischen Gesinnung keinen Zweifel aufkommen. Klinkott ist sich auch nach 1945 treu geblieben und wurde dabei von der Hamburger Evangelischen Kirche unterstützt. Ab 1950 gehörte er zu einer Seilschaft von „alten Kameraden“, die in der Evangelischen Akademie der Hamburgischen Landeskirche als Studienkreisleiter tätig war. Der einflussreichste Kreis dieser Gruppe nannte sich „Studienkreis Strafvollzug“. An dem waren neben Klinkott alte Nazis beteiligt, die einige Jahre zuvor noch die Swing-Jugend verfolgt hatten. Zu Klinkotts „alten Kameraden“ bei der Hamburger Akademie gehörten:

• Der Pastor und NSDAP-Mann Bernhard Bornikoel (1902-1981), nach 1945 Herausgeber von Schriften über „eugenische und sozialhygienische Fragen“ (Mit Harmsen, herausgegeben in der Schriftenreihe der Ev. Akademie; gibt es jederzeit bei ZVAB).

• Der Pastor und NSDAP-Mann Hans Stökl (1903-1957), Prediger in der St-Andreas-Kirche in Harvestehude (Nachruf im Abendblatt). (In der Festschrift „100 Jahre St-Andreas-Kirche“ von 2007 – mit einem Grußwort der Bischöfin Jepsen – wird die NSDAP-Mitgliedschaft mit keinem Wort erwähnt)

Rudolf Hubert Sieverts (1903-1980), fanatischer Strafverfolger der Swing-Jugend, Mitglied der Kolonialärztlichen Akademie der NSDAP, 1961 Rektor der Uni-Hamburg. 1964 Gründungsmitglied von Amnesty International Hamburg! („Menschenrechtsverletzungen der Russen“). Hauptförderer von Klinkott.

Ernst Schrewe (1900–1957) NS-Schulsenator in Hamburg. Vorher bei den völkischen Vereinen DNVP, Stahlhelm und Bismarckjugend. Bekam nach 1945 von Kirchenfunktionären jede Menge Persilscheine.

Hans Harmsen (1899-1989), „Eugeniker“ in den Anstalten der Inneren Mission (Diakonie) und Autor von: „Die Bevölkerungspolitik des italienischen Faschismus“. Nach 1945 Professor an der Uni-Hamburg. Mitgründer und Präsident von Pro Familia (gegründet 1952 als „Deutsche Gesellschaft für Ehe und Familie“ war Pro Familia ein Sammelbecken für NS-Rassen- und Bevölkerungsbiologen).

Paul Raethjen (1896-1962), NSDAP-Mann und Uni-Professor für (kriegswissenschaftliche) Meteorologie in Hamburg. 1961 gratulierte das Hamburger Abendblatt dem „Wetterforscher“ zum 65. Geburtstag.

Karl Zeiger (1895-1959), NSDAP-Mann und Medizin-Professor (Nachruf im Abendblatt).

Gustav Adolf Rein (1885-1979), NSDAP-Mann und 1934-1938 Rektor der Uni-Hamburg. Autor von „Die Wahrheit über Hitler aus englischen Munde“ (1940). Seit 1933 Stiftungsrat der Toepfer Stiftung. Nach 1945 Hauptinitiator des braunen „Studienkreises“ der Evangelischen Akademie Hamburg.

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Opfergedenken als Täterschutz

Klinkott, der braune Gottesdiener von St. Stephanus und seine „Kameraden“ haben aktiv an der Ausgrenzung und Verfolgung der Hamburger Juden, der Swing-Jugend und vieler anderer mitgewirkt. Was also legitimiert eine „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus“ zu Stolperstein-Veranstaltungen im Rahmen des Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“? Absolut NICHTS verbindet diese klerikalen Aktivisten mit den Opfern, deren Namen – meist ohne die Angehörigen um Erlaubnis zu fragen – auf dem Straßenpflaster stehen. Sehr VIEL verbindet sie hingegen mit Tätern wie Johannes Klinkott: Mit dem Namen „St. Stephanus“ haben sie – materiell wie ideell – Klinkotts ERBE angenommen. Nach den mit einem Erbe verbundenen Regeln des symbolischen Tausches stehen sie zu Klinkott in einem Verpflichtungsverhältnis, dem sie dann auch dadurch gerecht werden, dass sie seine Taten vertuschen. Zugleich versuchen sie wie Erbschleicher, sich die Biographien der Opfer risikofrei anzueignen. Diese Kombination ist besonders widerwärtig: Man nimmt das Erbe der Täter an und verdeckt das zugleich durch einen in jeder Hinsicht verwerflichen Zugriff auf die Opfer. Dadurch lassen Meldungen wie: “ Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus macht einen Rundgang zu Stolpersteinen für vertriebene Bürger“ St. Stephanus als Hort des Guten erscheinen. Und zwar so, dass niemand auch nur auf den Verdacht käme, dass St. Stephanus jemals ein Täterort gewesen sein könnte.

Die wirkliche Geschichte dieser Kirchengemeinde wird VERSCHWIEGEN. Von 1945 bis heute hat man alles getan, damit der Werdegang von Klinkott und der CVJM-Funktionäre nicht bekannt wird. Die entsprechenden Dokumente – Schriften und Fotos – sind verschwunden oder irgendwo vergraben. Das gilt auch für die deutschvölkische Geschichte vor 1933, als – ab 1920 – der Aktivist des Antisemiten-Bundes Alldeutscher Verband, Adolph Pauly (1881–1952) Pastor an der Stephanuskirche war. Auch über die Evangelische Akademie der Hamburgischen Landeskirche gibt es kaum öffentlich zugängliches Material. Bei Wikipedia kommt sie überhaupt nicht vor: Man hat sie mit dem Eintrag „Evangelische Akademie der Nordkirche“ einfach verschwinden lassen. Reste der gesäuberten und 1991 nach Kiel verlagerten Archiv- und Bibliotheksbestände (darunter Bernhard Bornikoel: Geburtenregelung und Eugenik – Stellungnahmen zu sexual-ethischen Gegenwartsfragen“, Agentur des Rauhen Hauses 1959) tauchen gelegentlich bei Ebay und ZVAB auf.

Mit anderen Worten: Die „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanusdrängt sich symbolisch in die Nähe der Opfer, um von den Tätern aus dem eigenen Haus abzulenken. Und das ist nur eine weitere Variante des Täterschutzes: Täterschutz wurde nach 1945 zum Markenzeichen der Kirchen. Man verhalf Nazi-Verbrechern zur Flucht, kümmert sich um Rechtsbeistand für Kriegsverbrecher, machte Front gegen die Entnazifizierung („Die Entfernung vieler Menschen aus Ämtern zerstört das Rechtsempfinden“), stellte SA-Männer als Opfer dar, bezeichnete Eichmann noch in den 1960er Jahren als „Mann mit gütigem Herz“, macht BIS HEUTE aus Antisemiten der „Bekennenden Kirche“ (die die Nürnberg er Gesetze begrüßte und die „Kristallnacht“ verteidigte) Widerstandskämpfer und sprach sich schon 1945 selbst frei mit der Formel: „vergeben und helfen ist das Gebot der Stunde“.

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Gottesdienstwerkstatt und staatstragendes Bürgermilieu

Astrid Barth, die die „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus“ betreibt, ist Mitglied des Vorstandes der Eimsbütteler evangelischen Gemeinde und schreibt dort fromme Artikel im Gemeindeblatt. „Gottesdienstwerkstätten“ sind klerikale PR-Gruppen, die nach „kreativen Ideen“ suchen, mit denen man Leute in die leeren Kirchen locken kann. Unter dem Motto „Gott ganz nah“ sollen sie „in lockerer Form“ die „alten Themen des Glaubens in unsere Zeit übertragen“. Vom HipHop-Konzert bis zur Kranzniederlegung am „Volkstrauertag“ („Gottesdienstwerkstatt der Generationen“) hat man schon alles ausprobiert.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist trotzdem rückläufig. Stabil ist hingegen die Vernetzung mit der Bezirkspolitik sowie die Kooperation mit Schulen und Lokalmedien: Die Kirche ist in Eimsbüttel fester Bestandteil des staatstragenden Bürgermilieus, weshalb sie auch beim Eimsbütteler Gedenkmonat nicht fehlen darf. Die „Rundgänge zu Stolpersteinen“ beginnen mit einem Gottesdienst und enden mit einem Mittagessen in der Kirche. Die Erinnerung an die jüdischen Opfer wird gnadenlos christianisiert – bis hin zu den Kerzen, die man auf Stolpersteine stellt. Dabei wurde der Holocaust von Leuten geplant, durchgeführt und geduldet, die zu 99 Prozent Christen waren (auch Eichmann und die Mehrheit der SS-Mitglieder verstanden sich als Christen).

Bei der „Gottesdienstwerkstatt“ handelt es sich also nicht um christlich orientierte einzelne Bürger, denen plötzlich die christliche Schuld bewusst wurde, sondern um eine staatschristliche organisierte Aktion, die zum Ziel hat, den eigenen Verein in einem falschen Licht erscheinen zu lassen. Dabei kennt man keine Skrupel: Man betet (!) für die „kranken und behinderten Menschen, die durch den Nationalsozialismus getötet wurden“ und erinnerte mit KEINEM Wort an den eigenen Anteil daran. Man beklagt sogar scheinheilig, die Opfer der „Euthanasie“ stünden „oft nicht im Zentrum der Erinnerungskultur.“ Solche verlogenen Sätze sind typisch für Eimsbütteler Klerikale, die es bisher geschickt verstanden haben, ihr eigenes Trommeln für „eugenische und sozialhygienische“ Säuberungen und die eigene Beteiligung an der „Euthanasie“ und der Ausgrenzung der Juden zu verschweigen oder nach der Methode der „Bethel-Legende“ zu verfälschen.

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Apostelkirche, Christuskirche, Stephanuskirche –
die Teilnahme am Gedenkmonat schützt vor Nachfragen

Eimsbüttel ist selbst im Rahmen der Hamburger Kirche ein besonders krasser Fall. In Stadtteilen wie Altona gibt es seit 10 Jahren eine von institutionell an den Kirchen-Apparat gebundenen Historikern und Archivaren durchgeführte „Vergangenheitsbewältigung“, die eine bisher verschwiegene Täterschaft mehr oder weniger eingesteht und sie zugleich nach dem Muster: „Viele waren leider nicht glaubensstark genug, um dem Nationalsozialismus zu widerstehen, aber es gab auch einzelne Ausnahmen“ christlich relativiert. Geredet wird danach NUR NOCH über die zwei oder drei Ausnahmen, die damals von den eigenen Leuten ans Messer geliefert wurden.

In Eimsbüttel gibt es selbst diese Variante nicht. Das hat damit zu tun, dass die Eimsbütteler Pastoren und Gemeinden schon vor 1933 zu den besonders fanatischen Antisemiten gehörten, nicht zuletzt weil es hier eine besondere große jüdische Wohnbevölkerung gab.

Auch an der Eimsbütteler Apostelkirche predigte mit Friedrich-Wilhelm von Boltenstern (1898-1956) ein Mann, der in Julius Hahns antisemitischem Blatt „Das evangelische Hamburg“ schrieb, zeitweise Mitglied der „Deutschen Christen“ war und einen Zweitjob als Gefängnispastor im Folterzentrum Fuhlsbüttel hatte. Die Strafanstalt Fuhlsbüttel war am 4. September 1933 der SS-Bewachung unterstellt und zum KZ erklärt worden.

Im „Kola-Fu“, wo Häftlinge von Anfang an brutal mißhandelt, in den Tod getrieben und ermordet wurden, war 1934 auch Pastor Johannes Schoene (1885-1966) tätig – nebenamtlich. In einem seiner Berichte heißt es: „Es besteht zwischen den Wachmannschaften und den Häftlingen ein gutes Verhältnis in der Art, dass unnötige Härten einwandfrei vermieden werden“. Er machte den Vorschlag, dort einen „hauptamtlichen Pastor anzustellen, der der NSDAP angeschlossen ist.“ Hauptamtlich war Johannes Schoene von 1934 bis 1958 Pastor der Eimsbütteler Christuskirche. Schoene war ein Anhänger des fanatischen Antisemiten Adolf Stoecker. In einem Bericht von 1934 heißt es: „Pastor Schoene sprach in der Kirchlichen Gemeinschaft, die leider schlecht besucht war, über Adolf Stoecker recht gut.“ Nach 1945 konnte er sich nur noch an eine Katastrophe erinnern: Er klagte die Anti-Hitler-Koalition mit „Augenzeugenberichten“ über die Bombardierung Eimsbüttels im Sommer 1943 als Kriegsverbrecher an.

Vorgänger von Schoene war Georg Siebel (1862–1945), der von 1897 bis 1934 Pastor der Christuskirche war. Unter seinem Namen erschien noch 1936 die (nach 1945 „entsorgte“) Schrift: „50 Jahre Christuskirche Hamburg-Eimsbüttel: 1886- 1936“, in der der Nationalsozialismus gefeiert wird. Ein moderner Nazi wurde der Altrechte Siebel aber nicht mehr, weil er auch nach 1933 vor allem seinen elitär-rechtsradikalen Vorstellungen aus der Kaiserzeit verpflichtet blieb. Er war Mitglied der Ordenssekte Michaelsbruderschaft, die sich an Leuten wie Ernst Jünger orientierte: Die Kirche müsse geführt werden „durch ein in mönchischer oder soldatischer Armut lebendes Personal“ nach dem Vorbild „der deutschen Ritterorden, der preußischen Armee und der Societas Jesu“ (Siebel 1936).

Zeitweise waren an der Christuskirche mehrere Pastoren tätig. Darunter auch Rudgar Mumssen, der vor 1933 Mitglied der klerikal-faschistischen Partei Christlich-Sozialer Volksdienst (CSVD) war, über die er zuletzt in der Ausgabe 26/1932 der Rechtspostille „Das evangelische Hamburg“ den Artikel „Kirche und Volksdienst“ schrieb.

Die Christuskirche war vor 1933 das Zentrum der altrechten deutschvölkischen Antisemiten (DNVP), aber ab 1933 stand die St. Stephanuskirche, deren Namen die „Gottesdienstwerkstatt“ trägt, als sei nie etwas gewesen, im braunen Mittelpunkt. In der St. Stephanus-Kirche stellten die „Deutschen Christen“, von denen etwa 30 Prozent Mitglieder der NSDAP waren, zeitweise die Mehrheit. Aber auch die konkurrierenden Anhänger der „Bekennenden Kirche“ standen hinsichtlich der Hitler-Begeisterung und der Befürwortung der Judendiskriminierung und –verfolgung den „Deutschen Christen“ in nichts nach. Sie wollten beim Mitmachen nur nicht auf ihren eigenen Verein verzichten.

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In braunen Eimsbüttel hat man die Spuren der eigenen Beteiligung nahezu komplett verschwinden lassen: Den überproportionalen NSDAP-Stimmanteil bei der Reichstagswahl 1932 (45,4 % im Wahlbezirk 142), den Jubel über Hitler als „Werkzeug göttlicher Vorsehung“, die finanzielle Unterstützung der Nazis durch die Innere Mission/Diakonie, die kirchliche Unterstützung des „Judenboykotts“, die bereitwillige Aushändigung der Kirchenbücher zum Nachweis der jüdischen Herkunft (noch bevor sie angefordert wurden), die aktive Suche nach „nichtarischen Pfarrern“, die Rechtfertigungen der Zwangssterilisation Behinderter in der Gemeindezeitung.

Auch die ebenfalls zum staatstragenden Milieu gehörende Eimsbütteler Geschichtswerkstatt (die schon zur völkischen ETV-Vergangenheit lieber geschwiegen hat), verschont ihre klerikalen Gedenkmonat-Partner seit jeher mit historischen Untersuchungen über die Eimsbütteler Nazi-Pastoren und ihre Jungschar. Das Bild von Eimsbüttel als Stadtteil ohne Nazis würde schnell beschädigt, wenn man sich die Kirchen näher anschauen würde, die heute Kerzen auf Stolpersteinen leuchten lassen.

Nicht zufällig war Adolf Eichmann in den 1920er Jahren in Solingen Mitglied des CVJM. Auch der Kriegsverbrecher Erich Koch, von 1928 bis 1945 Gauleiter der NSDAP in Ostpreußen, kam vom CVJM-Wuppertal zur NSDAP. Theodor Schober, 1955 Direktor der Firma „Diakoniewerk Neuendettelsau“ und von 1963 bis 1984 Präsident des klerikalen Unternehmerdachverbandes Diakonisches Werk, verteidigte Koch noch 1984 in seiner Funktion als „Beauftragter der EKD für die Seelsorge deutscher Kriegsverurteilter in ausländischem Gewahrsam“ mit den Worten: „Aus einem frommen Wuppertaler Elternhaus stammend und durch die CVJM-Mitgliedschaft geprägt, wollte er nicht nur ein stramm nationalsozialistisch ausgerichtetes Ostpreußen, sondern eine starke, einheitliche evangelische Kirche.“ (Ernst Klee: „Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirchen den Nazis halfen“, Fischer 1991).

Eimsbuettel
Evangelische Jungschar des CVJM

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Anmerkung zur Christuskirche:

Wie die Vorstandsverzeichnisse der Christuskirche zeigen, stand der Eimsbütteler Kirchenvorstand seit dem Kaiserreich unter dem Einfluss deutschvölkischer, antisemitischer Parteien: Der Deutschsozialen Partei (DSP, 1890-1914), der Christlich-sozialen Partei (CSP, 1880-1918), des Alldeutschen Verbandes (1891 bis 1939), der DNVP (1918-1933, hier waren große Teile der ehemaligen Christlich-sozialen Partei des extremen Antisemiten Adolf Stoecker organisiert) und der mit dieser konkurrierenden antisemitischen evangelikalen Partei Christlich-Sozialer Volksdienst (CSVD, 1929–1933. Dort arbeiteten die Klerikalfaschisten Friedrich Heitmüller und Fritz Tügel zusammen). Die Eimsbütteler Kirchenleitung und die antisemitischen Parteien waren also eng vernetzt. Konkretes Beispiel: Johannes Lehsten, seit 1895 aktiv in der antisemitischen Bewegung Eimsbüttels, trat während des 1. Weltkrieges in den Vorstand der Christuskirche ein. Er saß zugleich im Landesvorstand der antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

evangelisch
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Gelesen hat man in Eimsbüttel neben den Parteizeitungen das von den Pastoren Karl Reimers (1872–1934, St. Michaelis) und Julius Hahn (1880-1956, Versöhnungskirche Eilbek) herausgegebene „Hamburger Kirchenblatt“ (1904-1921, danach: „Das evangelische Hamburg“). Hier wurden schon zur Kaiserzeit regelmäßig völkische und antisemitische Artikel publiziert. Am 6. Oktober 1918 schrieb Reimers dort: „Wenn nicht alles trügt, wird die Zeit nach dem Kriege eine ernste Auseinandersetzung mit dem Judentum unserer Tage bringen“. Julius Hahn war mit den Eimsbütteler Pastoren (inklusive Heitmüller vom Elim) über das deutschnationale Netzwerk verbunden. Bereits 1922 publizierte er das Buch „Die Judenfrage“ in einer Schriftenreihe des Rauhen Hauses. Hahn orientiert sich in dem Machwerk an den antisemitischen Hetzschriften von Adolf Stoecker, den er so sehr verehrte, dass er für seine Sakristei ein Glasfenster mit dem Bild Stoeckers anfertigen ließ.

Nach der Novemberrevolution 1918 wurde die antisemitische Hetze mit Angriffen auf den Arbeiter- und Soldatenrat verknüpft, der in Hamburg den Religionsunterricht abgeschafft hatte. In der Christuskirche war man zugleich gegen Juden, die Arbeiterbewegung und den Parlamentarismus des „religionslosen Staates“. Hitler war hingegen der „von Gott geschenkte Retter vor dem bolschewistischen Chaos“. Der Wechsel zur NSDAP erschien Eimsbütteler Christen da ganz selbstverständlich.

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Christuskirche
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Eimsbütteler Monat des Gedenkens
Stolpersteine – Fallbeispiel 2

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Das Verschwinden der Täter in der Biographie von
ISRAEL JOHANNES RUBANOWITSCH

Kommentar zu Band 2 von
Stolpersteine in Hamburg-Eimsbüttel und
Hamburg-Hoheluft-West. Biographische Spurensuche

Landestentrale für Politische Bildung, Hamburg 2012

- Text folgt –

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