Patriotismus lokal: Eimsbüttel war kein Nazi

Lokalpatriotismus
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Grünes Eimsbüttel 1933: „Tag der Radfahrer“ am 24. September (Kleiner Schäferkamp).
Der Sportbeauftragte von Hamburg, Egon Arthur Schmidt, brachte seine Freude zum Ausdruck, dass dieser Kundgebung große Massen Folge geleistet hätten. Mit einem Sieg-Heil und dem Horst-Wessel-Lied endete die Kundgebung auf der Moorweide (Hamburger Fremdenblatt vom 25.9.1933).

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Fazit zum Zweiten Monat des Gedenkens Eimsbüttel:

Der staatstragende Charakter des Eimsbütteler Gedenkmonats ergibt sich nicht allein aus dem neuen Geschichtsrevisionismus der hier beschriebenen Einzelveranstaltungen und den verschwiegenen Themen.

Wie schon erwähnt, wurden unter das Label „Gedenkmonat“ 60 Veranstaltungen subsummiert, von denen es viele auch ohne diese Dachmarke gegeben hätte. Neben einer „Luftballonaktion gegen Rassismus, für eine friedliche Welt der Kulturen“ gehörten dazu Veranstaltungen der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule, die Wanderausstellung „Der gelbe Stern“ oder der Film „Der Mann von der Cap Arcona“ in einem kommunalen Kino.

Aber selbst die beiden sehr verdienstvollen Vorträge „Geraubte Immobilien. Vertreibung der Erbengemeinschaft Salomon Bondys aus Eidelstedt und Lurup“ und „Die wahre Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie aus Hamburg. Buchvorstellung mit Torkel S. Wächter“ konnten kein Gegengewicht gegen die zentrale Ausrichtung dieses Gedenkmonats bilden, dessen Ziel am besten mit

Eimsbüttel war kein Nazi

beschrieben wird.

Eimsbüttel als Bezirk der Guten – das ist die lückenlose und zeitgemäße Einfügung in das vor allem für ANDERE entworfene Selbstbild der expandierenden Berliner Republik und somit an eine Darstellung , die dem Rechtsnachfolger des Dritten Reiches außenpolitisch größte Handlungsfreiheit gibt.

Veranstaltungen wie der „Zweite Monat des Gedenkens Eimsbüttel“ dienen vor allem der inneren Konsoldierung. Da es weiterhin eine erhebliche Diskrepanz zwischen der per Staatsräson verordneten Sichtweise auf den Nationalsozialismus und der Sichtweise fahnenschwingender „stolzer Deutscher“ gibt, soll diese Lücke „vor Ort“ einigermaßen ausgeglichen werden.

Die Schließung dieser Lücke zwischen Staaträson und Normal-Nationalismus soll unter anderem durch eine Art zurückdatierter Gutwerdung der Deutschen erreicht werden: Es waren damals nicht die Deutschen, sondern „die Nazis“. Aber auch Nazis kann es nur wenige gegeben haben, in Eimsbüttel jedenfalls ist kaum ein Nazi namentlich bekannt und mit jedem „Monat des Gedenkens Eimsbüttel“ werden es immer weniger Nazis, während die Zahl der Opfer und Widerstandskämpfer immer größer wird. Am Ende feiern alle Eimsbütteler den 8. Mai als den Tag, an dem ihre Vorfahren vom Joch einer kleinen Nazi-Clique befreit wurden.

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„Eimsbüttel war kein Nazi“ ist ein Programm für „unverkrampften (Lokal-) Patriotismus“. Nach dem „Monat des Gedenkens“ können bei der nächsten Fußball-EM die Deutschlandfahnen mit noch besserem Gewissen geschwenkt werden. Der Eimsbütteler Gedenkmonat ist der vollendete Frieden an der Heimatfront.

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No wayout of here: Der Gedenkmonat als Produktion gesellschaftlicher Ohnmacht

Der Monat des Gedenkens Eimsbüttel ist ein Bündnis von staatlicher Verwaltung, Politik und „Zivilgesellschaft“. Bezirkspolitik, Verwaltung, Kirchen, Großsportverein, Kulturszenen, Lokalmedien, geläuterte Antifaschisten und viele andere bilden zusammen eine absolut hermetisch geschlossene Front von Gutdeutschen, eine sich gegenseitig stützende Bündnis-Kohorte, die keinen kritischen EINWAND fürchten muss. Da wirklich ALLE drin sind in dieser großen Koalition, gibt es kein Außen mehr, das ihnen gefährlich werden könnte. Auch von Linken und Kulturlinken sind keine Einwände zu befürchten.

Und das wirkt sich auch dort aus, wo es um „Gedenkpolitik“ nicht geht, also im politischen Alltag, wo privatisiert, bebaut, kontrolliert und gemauschelt wird, wo eine Hand die andere wäscht (Kulturfördergelder, Baugenehmigungen, Gelegenheiten jeder Art), wo man sich kennt vom Gottesdienst, vom Yoga-Kurs beim ETV und eben vom Gedenkmonat. Lokalpolitiker, die viel auf dem Kerbholz haben, machen sich unangreifbar durch Enthüllung einer Gedenktafel. Pastoren, die sonst vor leeren Kirchen predigen, bekommen einen Extrabericht im Anzeigenblatt für einen Gedenkgottesdienst für die „Opfer der Gewaltherrschaft“. „Kulturschaffende“, die gerade eine Flaute haben, lernen die Leute kennen, die die Verbindungen haben. Anders gesagt: In Eimsbüttel trifft man sich zur „Marathonlesung aus verbrannten Büchern“ wie einst zum Kirchgang. Im Mittelpunkt steht auch hier nicht der Glaube, sondern die soziale Funktion.

Eimsbuettel
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Noch ein Beispiel für die Produktion gesellschaftlicher Ohnmacht:

Totalitarismus 2015:
Bürgermeister demonstrieren am 1. Mai
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Georges Perec
Bürgermeister Scholz und Vizebürgermeisterin Fegebank demonstrieren am 1. Mai

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• Am 15. April 2015 wurde Olaf Scholz in der Bürgerschaft mit 75 von 120 Stimmen erneut zum Ersten Bürgermeister gewählt. Zweite Bürgermeisterin wurde die Grüne Katharina Fegebank. Der rot-grüne Senat ist die Landesregierung, die in Hamburg staatliche Herrschaft ausübt.

• Der Erste Mai wird als Internationaler Kampftag der Arbeiterbewegung bezeichnet. Die Gewerkschaften veranstalten an diesem Tag Kundgebungen um – im Idealfall – ihre Forderungen hinsichtlich der Löhne und Arbeitsbedingungen zu unterstreichen. Diese Forderungen richten sich auch an staatliche Behörden und halbstaatliche Kapitalgesellschaften.

Der Staat und sein politisches Personal stehen in dieser Auseinandersetzung so wenig auf der Seite der Gewerkschaften wie der Bahnchef Rüdiger Grube auf der Seite der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) steht.

Wenn jedoch, wie am 1. Mai 2015 in Hamburg geschehen, der Oberbürgermeister und die Vizebürgermeisterin trotzdem als Teilnehmer der Demonstration und der Kundgebung der Gewerkschaften mitlaufen, dann soll das die hermetisch geschlossenen Gemeinschaft aller Hamburger symbolisieren, in der niemand mehr abseits stehen darf.

Das ist dann jene Totalität der Gesellschaft, die wie Adorno sagte, ihre Mitglieder mit Haut und Haaren beschlagnahmt: „Indem die Herrschenden planvoll das Leben der Gesellschaft reproduzieren, reproduzieren sie eben dadurch die Ohnmacht der Geplanten. Herrschaft wandert in die Menschen ein“. Es ist „gerade die Immanenz der Unterdrückten im System“, deren Elend heute „in der unendlichen Spiegelung ihrer selbst“ besteht und darin, dass

sie nicht mehr herauskönnen“.

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Adorno will damit sagen:

1. Die Lage ist schon schlimm genug.

2. Sie wird noch übler und aussichtsloser, wenn Du

a. gegen den Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft demonstrieren willst und dann neben Dir der Bürgermeister geht und vorne einer seiner Helfershelfer eine Rede hält.

b. im postfaschistischen Großdeutschland zur Gedenkfeier nach Bergen-Belsen fährst und vorne steht ein Pastor, der zugleich Bundespräsident ist und redet über das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust. Einfühlsam.

c. die Nazigeschichte einer Eimsbütteler Firma und ihre Verbindung zur Verwaltung erforschst, und dann genau diese Verwaltung zu einem Gedenkmonat aufruft, in dem aber Fragen nach Firmen und Verwaltungen nicht erwünscht sind.

d. Dich als scheinbar letzte Möglichkeit an linke Parteien und Akteure wendest und dann feststellen musst, dass die mit den anderen schon gemeinsame Sache machen …

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… Zum Beispiel so:

Im Jahr 2008 sprachen auf der Hamburger gewerkschaftlichen Mai-Kundgebung die Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche. Auf dem Ankündigungsplakat kündigte auch das Kabarett „Polittbüro“ eine „Sozialpartner-Revue“ an. 2015 ist das „Polittbüro“ mit Thomas Ebermann an dem Eimsbütteler Gedenkmonat beteiligt.

Georges Perec
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