Eimsbütteler Antifaschistischer Stadtteilrundgang

Eimsbuetteler Turnverband
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Eine weitere Veranstaltung zum Eimsbütteler Gedenkmonat heißt:

Vorwärts und nicht vergessen! Eimsbütteler Antifaschistischer Stadtteilrundgang.

Nähere Auskünfte darüber wo heute Vorwärts liegt und was nicht vergessen werden soll, gibt es dazu nicht. Es ist aber anzunehmen, dass man die Orte der Reaktion und der Gegenaufklärung in der Hochburg der Antisemiten, als die Eimsbüttel schon zur Kaiserzeit galt, überhaupt nicht sehen will. Da es beim Eimsbütteler Gedenkmonat um die nachträgliche Gutwerdung Eimsbüttels geht – dazu gehört auch die Erfindung eines „roten Eimsbüttels“, das es so nie gab – suchen sich die antifaschistischen Heimatforscher lieber Orte und Themen aus, die nach ihrer Überzeugung etwas zu der Erzählung von Eimsbüttels Kampf gegen das Böse beitragen.

2014 wurde dieser Rundgang so angekündigt:

„Mit dem Rundgang soll an verschiedenen Stätten des einst so „roten“ (?) Eimsbüttels an Ereignisse und Orte in den Zeiten des NS-Regimes erinnert werden.

Routenverlauf:

• Von der Methfesselstraße bis zum Unnapark (Widerstand, Stolpersteine, Machtübernahme, Kriegsvorbereitungen wie z.B. Luftschutz seit April 1933, Zerstörungen im Juli 1943).

• Von der U-Bahn Christuskirche (“Judenchristen“) geht es weiter: Schwerpunkte dort sind die ETV-Gebäude an der Bundesstraße (Turnerhakenkreuze an der Fassade, Rolle des Sportes im NS-System, Gleichschaltung der Arbeitersportvereine, Ausgrenzung, Unterbringung von NS-Zwangsarbeitern).

Guide: Frank Lehmann, Hamburger Historiker und Museumspädagoge, Mitglied im Arbeitskreis Alternative Stadtrundfahrten (AKASFR) im Hamburger Landesjugendring. Als Firmen-Chronist interviewe ich Zeitzeugen, ehemalige und jetzige Mitarbeiter und recherchiere in den Archiven, um Ihnen am Ende ein fertiges Buch zu liefern – Ihre Firmen-Chronik! Veranstalter SPD-Nord. Bericht in der SPD-Mitglieder-Zeitung für Eimsbüttel : Hannelore Köster, SPD und Diakonie.

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…. so erfindet Eimsbüttel sich durch den Gedenkmonat einfach neu.

• Orte, von denen aus die Eimsbütteler Juden deportiert wurden, sind nicht der Rede wert.
(„Juden waren ja nur Opfer, keine Widerstandskämpfer“ )
• Versammlungslokale der SA im Grindelviertel (in denen heute Szene-Kneipen sind) will man nicht sehen.
• Man geht auch nicht an dem immer noch existierende Elektrogeschäft vorbei, das damals in den „judenfreien“ Wohnungen den Strom abstellte.
• Wo wurde die antisemitische Zeitung „Die Abwehr“ gedruckt, die einst in Eimsbüttel eine Massenauflage hatte?
• Wo lebte eigentlich Friedrich Raab, der Antisemit, der allein mit den Stimmen aus Eimsbüttel in die Bürgerschaft kam?
• Alles kein Thema. Nicht vergessen werden hingegen der „Luftschutz“ und der Bombenkrieg.

Was hier zu den „Judenchristen“ gesagt wurde (das war übrigens die Jerusalem-Gemeinde) möchte man lieber nicht wissen. An den am ETV-Gebäude weiterhin ausgestellten Hakenkreuzen hat sich 65 Jahre lang kein Eimsbütteler gestört. Sie hängen jetzt immer noch da, gelten aber heute als „Mahnmal“. Alter Dreck, umdefiniert.

Typisch auch die Formulierung: „Rolle des Sportes im NS-System“. Im ETV haben Nazis, wenn sie sich von der Judenverfolgung erholten, Fußball gespielt. Es gab hier keine harmlosen Sportler, die unfreiwillig eine subalterne „Rolle“ in einem ihnen äußerlichen „System“ gespielt haben.

Es gab übrigens auch keinen „gleichgeschalteten“ Arbeitersport. Die aktiven antfaschistischen Arbeitersportler wurden sofort inhaftiert oder gleich umgebracht. Andere haben sich zurückgezogen, weil es jetzt zu gefährlich war. Zusammen mit Nazis wollten sie nicht turnen. Viele haben aber auch – spätestens zu den Olympischen Spielen 1936 – die Seiten gewechselt. Die Deutschen von heute lieben das Märchen von der „Gleichschaltung“, weil das nach Widerstand oder „innerer Emigration“ klingt. Außerdem mögen sie diese Darstellung, weil sie sich selbst jeden Tag anpassen und sich daher sicher sind, dass sie das 1933 auch getan hätten.

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Beim antifaschistischen Stadtteilrundgang ebenfalls vergessen ….
Arbeitskreis Alternative Stadtrundfahrten
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Von 1929 bis 1933 galt das KH Elim als Hochburg der protestantischen Rechten. Bis in die 1960er Jahre wurde dieses von dem Nazi Friedrich Heitmüller geleitete Hospital wegen seiner NS-Vergangenheit von vielen Menschen bewusst gemieden. Diese Vergangenheit war sogar Gegenstand heftiger Bürgerschaftsdebatten. Aber auch die medizinischen Leistungen des Elim waren immer umstritten. 1972 stand das Elim erstmals vor der Insolvenz und 1975 sollte es eigentlich ganz aus dem Krankenhausbedarfsplan gestrichen werden. Medizin und Ideologie bildeten im Elim immer einen Zusammenhang. So war zum Beispiel in der Elim-Satzung ein Abtreibungsverbot festgeschrieben.

In den Hamburger Springer-Zeitungen wurde das ELIM immer als „Traditionshaus“ bezeichnet. Warum, das zeigt die oben abgebildete Abendblatt-Meldung aus dem Jahr 1956:

■ 10 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht war die Remilitarisierung Westdeutschlands durch Gründung der Bundeswehr abgeschlossen. Am 12. November 1955 wurden die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr vereidigt. Vor allem die Führungsebene bestand überwiegend aus früheren Wehrmachtsoffizieren, unter denen es viele gab, die an den Verbrechen der Wehrmacht aktiv beteiligt gewesen waren.

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■ Zu den ersten Offizieren der neuen Bundeswehr gehörte auch der Elim-Arzt Dr. Hermann Wulf (1915-1990). Im April 1956 wurde er zum Kommandeur des neu aufgestellten Panzergrenadierbataillons ernannt. Ein Jahr später wurde er Kommandeur an der Heeresoffiziersschule II in Hamburg und 1967 Brigadegeneral der Bundeswehr.

Für diese Kariere hatte Hermann Wulf sich in der Wehrmacht qualifiziert. Als die Wehrmacht Frankreich eroberte, wurde ihm als Oberstleutnant und Kompanieführer der 9. Kompanie im Alter von 26 Jahren das Ritterkreuz verliehen. Ein halbes Jahr vor der bedingungslosen Kapitulation wurde er Kommandeur des Panzer-Grenadier-Regiments 76 der Wehrmacht und fünf Monate vor dem Ende Kommandeur des Führer-Begleit-Bataillons, das neben der Leibstandarte-SS Adolf Hitler für den Personenschutz Hitlers verantwortlich war.

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■ Zusammen mit dem von Wulf befehligten Panzergrenadierbataillons der neuen Bundeswehr wurde am Standort Munsterlager (Manövergelände in der Lüneburger Heide) damals auch ein Panzerbataillon aufgestellt. Dessen Kommandeur war Karl-Theodor Molinari (1915-1993), der in der Wehrmacht ebenfalls Kommandeur der Panzertruppe in Frankreich war.

Soldaten seiner Einheit ( Panzerabteilung 106) erschossen im Sommer 1944 in Gefangenschaft geratene französische Widerstandskämpfer in einem Wald in den Ardennen. 1951 wurde Molinari von einem französisches Militärtribunal dafür in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Molinari war damals schon CDU-Kreisvorsitzender und Landrat in Schleiden (NRW). Obwohl Molinaris Kriegsverbrechen öffentlich bekannt wurden, ging er bei der Bundeswehr mit dem Titel eines Generalmajors in Rente. Der rechtslastige Bundeswehrverband hat sogar eine Molinari-Stiftung gegründet und betreibt unter diesem Namen sein „Bildungswerk“.

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■ Dr. Hermann Wulf, der von der Wehrmacht zum Elim wechselte und von dort zur Bundeswehr, blieb seiner Gesinnung immer treu.

Als der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) im Sommer 1968 ankündigte, eine der berüchtigten Reden des Predigers Helmut Thielicke in der Hamburger Michaeliskirche zu stören (Thielicke predigte u.a. gegen die Entnazifizierung und verteidigte Antisemiten), rief Wulf, damals Brigadegeneral und Kommandeur der Hamburger Heeresoffiziersschule seine Soldaten dazu auf, in Zivil die Rolle eines Saalschutzes zu übernehmen.

Darüber berichtete damals u.a. der Spiegel:

„Am Sonnabend vorletzter Woche, gegen 15.30 Uhr, besetzten die Soldaten Christi – als Staatsbürger ohne Uniform – alle taktisch wichtigen Punkte der Hamburger Kirche St. Michaelis. Sie postierten sich unter der Kanzel und auf der Empore, hinter dem Eingang und vor dem Altar — bereit, das Wort Gottes und des Predigers D. Dr. Helmut Thielicke D. D. notfalls mit ihren Händen zu verteidigen. Unterstützt wurde das hundertfäustige Wachkommando durch Zivilpolizisten, Thielicke-treue Theologiestudenten, Kirchenvorstandsmitglieder und zwanzig Kirchendiener aus Nachbargemeinden; in der nahen Polizeiwache standen zusätzlich zwei Gruppen Uniformierte bereit.“

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Auch beim Stadtrundgang vergessen: Das Restaurant Patzenhofer am Stephansplatz.
1946 luden jüdische Angehörige der britschen Armee die wenigen Hamburger Juden, die überlebt hatten zum Befreiungsfest ins Restaurant Patzenhofer am Stephansplatz ein.
Synagoge Hamburg
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