„Gedenkkultur“ und deutsches Unterbewusstsein

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Kein Mitleid mit den Deutschen
Auszug aus einem Interview mit
Marek Edelman (2005)

Tygodnik Powszechny: Muss der Schmerz eines Deutschen, dessen Kind bei der Flucht aus dem bombardierten Swinemünde in den Trümmern begraben wurde, kleiner sein als der einer polnischen Mutter, deren Sohn im Pawiak-Gefängnis gehenkt wurde?

Marek Edelman: Die Deutschen, die nach dem Krieg ihr Zuhause verlassen mussten, sind damit nicht so schlecht gefahren. Natürlich gab es Tragödien während der Vertreibung. Aber die, die in Westdeutschland ankamen, entgingen der Armut und landeten in einem Land des Wohlstands. Die Amerikaner halfen ihnen mit dem Marshallplan und Erhard brachte ihnen das Wirtschaftswunder. Sie konnten sich Autos von Volkswagen und Mercedes kaufen.

Der Plan, ein Zentrum der vertriebenen Deutschen jetzt zu bauen – ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg – ist eine rein politische Angelegenheit. Mehr noch, eine nationalistische und chauvinistische. Die Idee zum Bau des Zentrums stammt vom Bund der Vertriebenen, das heißt, es handelt sich um eine getarnte Rückkehr zur Idee vom »Drang nach Osten«. Im deutschen Unterbewusstsein glimmt immer noch die Überzeugung, dass die Deutschen zu wenig Lebensraum hätten, dass eine so große Nation auch einen großen Raum benötigt, dass er ihr auch schlichtweg zusteht. Dazu kommt Hochmut und die Überzeugung von ihrer Vorrangstellung in Europa.

Tygodnik Powszechny: Aber der Bund der Vertriebenen wird mehr oder weniger offen von Leuten aus der 68er-Generation unterstützt. Zum Beispiel Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer. Warum marschieren die Koryphäen der deutschen Linken, die sich bisher ihrer Aufarbeitung des Nationalsozialismus und ihrer Abrechnung mit seinen Verbrechen rühmten, jetzt Hand in Hand mit der nationalistischen Rechten?

Marek Edelman: Es ist schwer, diesen Wandel zu verstehen. Das sind die Menschen, deren Positionen mich besonders enttäuscht und verärgert haben. Als Führer der Studentenbewegung schienen sie zu wissen, wo der Deutsche hingehört und was man dem Bewusstsein der Deutschen noch jahrelang einschärfen muss, damit sich der Nationalsozialismus nie wiederholt, in welcher Form auch immer.

Tygodnik Powszechny: Vielleicht kommt die Haltungsänderung der 68er daher, dass sie sich nicht länger für die Taten ihrer Väter und Großväter Asche aufs Haupt streuen wollen? Wie viele Generationen lang kann man für die Schuld der Vorväter Buße tun?

Marek Edelman: Es geht nicht um Buße. Es ist ihre Pflicht, für diese Schuld zu bezahlen. Nicht ein, zwei oder drei Generationen lang, sondern solange, bis die Idee vom Herrenvolk aus der deutschen Mentalität ausgelöscht ist. Die Vertreibung der Deutschen veränderte nicht das Bewusstsein der Menschheit. Der Holocaust schon. Der Tod der Menschen war in den Vertreibungen nicht angelegt. Der Holocaust aber basierte auf Vernichtung. Der Holocaust und die Vertreibungen – das sind zwei verschiedene Dimensionen.

Jeder Krieg bringt den Tod. Aber Großbritannien baut auch keine Mahnmale für die zivilen Opfer der deutschen Bombenangriffe. Nur die Deutschen erheben ständig das Geschrei um ihre Opfer bei den alliierten Bombardierungen. Das beweist ihre Hochnäsigkeit und ihre Dreistigkeit. Es beweist auch, dass sie nichts von der Lehre aus dem zweiten Weltkrieg verstanden haben.

Mehr noch, die Deutschen haben den Krieg herbeigewünscht, die gesamte Nation stand hinter Hitler. Sie wollten die Welt beherrschen. Vielleicht hätten sie sogar Erfolg gehabt, hätten sie nicht Amerika zum Krieg herausgefordert.

Die Deutschen betonen, dass die Vertreibung auch Frauen und Kinder betraf. Was sie verschweigen ist, dass die Frauen Hitlers ideeller Rückhalt waren. Die Filme von Leni Riefenstahl sagen alles. Man sieht Tausende erregter Frauen und Mädchen, wie sie »Heil! Heil!« schreien. Sie verschweigen auch, dass sie während des Krieges von der Sklavenarbeit der eroberten Völker gelebt haben, weshalb es ihnen viel besser ging als den restlichen Europäern.

Tausende von Soldaten waren an der Eroberung Europas beteiligt. Sie hatten alle Verwandte, mit denen sie über ihren Dienst sprachen oder denen sie schrieben. Millionen von Juden wurden nicht von einer Handvoll Krimineller getötet, Tausende haben mitgemacht. Die Ausmaße des Tötens ließen eine Geheimhaltung nicht zu. Die Transporte mit Kleidung, gestohlener Kunst und geraubter Besitztümer aus den eroberten Gebiete endeten doch in Deutschland. All die Pelze, Radios, Gemälde, Gold aus den Ghettos … Und den deutschen Bauern kann ja wohl nicht entgangen sein, dass die Fremdarbeiter, die für Sie unentgeltlich arbeiteten, bei sich zu Hause von der Straße weggefangen worden waren. Zumal man sie als Strafe für Ungehorsam aufknüpfen durfte.

Es gab einen allgemeinen Hass auf die Deutschen. Dieser Hass war nicht unverdient und unter den Polen und Juden gleichermaßen stark. Ich spreche noch nicht einmal über Rache für die Ermordeten. Ich spreche über Erniedrigungen, beispielsweise, wenn ein eleganter, deutscher Offizier mit weißen Handschuhen einen Menschen mit dem Davidstern sah und ihm einfach ins Gesicht schlug. Einfach so, ohne Grund.

Marek Edelman

Tygodnik Powszechny: Nach dem Ende des Krieges schlugen Sie vor, den Jüdischen Staat nicht in Israel zu gründen, sondern in Bayern, der Wiege des Nationalsozialismus. Das hätte die Vertreibung der dort ansässigen Deutschen bedeutet.

Marek Edelman: Ja. Das Klima in Bayern ist besser als in Israel. Die Deutschen hätten auch eine Chance gehabt, für ihre Vergehen zu büßen.

Man sagt immer, es gab gute und schlechte Deutsche. Aber warum hatte ich nie das Glück, auch nur einen einzigen von den Guten zu treffen? Nur solche, die mir eins auf die Schnauze gaben. Es tut mir leid, um die junge Frau und ihr Kind, die während der Vertreibung umkamen. Aber ich habe kein Mitleid für die deutsche Nation, denn sie brachte Hitler an die Macht. Die deutsche Gesellschaft lebte vom besetzten Europa, von mir und meinen Freunden. Ich bekam nur zweihundert Gramm Brot am Tag und die Deutschen konnten sich satt essen. Darum ist es so wichtig, dass sie Buße tun. Sollen sie lange, lange weinen. Vielleicht werden sie dann begreifen, dass sie der Henker Europas waren.

Tygodnik Powszechny: Sie haben eine Petition unterschrieben für ein Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen anstelle des Vertriebenenzentrums. Welchen Platz würden Sie den Deutschen in solch einem Zentrum einräumen?

Marek Edelman: Keinen. Sie sollen sich mit ihrem Unglück nicht dazwischendrängeln. Ihnen steht keine Barmherzigkeit zu, sondern Buße. Und das viele Generationen lang, sonst kommen ihre Hoffahrt und ihr Stolz wieder zum Vorschein.

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Marek Edelman, 1919 bis 2009, war der letzte noch lebende Anführer des Aufstandes von 1943 im Warschauer Ghetto. Er kämpfte auch im Warschauer Aufstand von 1944.

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Bezirksversammlung Eimsbuettel

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