Ein deutscher Code: „Opfer des Nationalsozialismus“

Patriotismus
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Was gesagt werden muss

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Yehuda Blum (Juli 2012)

Meine Damen und Herren, am 27. Januar dieses Jahres war ich Gastredner in Saarbrücken anlässlich der Gedenkstunde des Landtages für – so heißt es in Deutschland – die Opfer des Nationalsozialismus.

Einige Wochen vor der Veranstaltung erhielt ich ein Mail aus Saarbrücken, in dem es hieß, es werde von mir erwartet, zusammen mit dem Landtagspräsidenten einen Kranz für die Opfer des Nationalsozialismus niederzulegen. Und zu ihrer Überraschung erwiderte ich, dass ich dazu leider nicht bereit sei. Da kamen die Fragen: „Warum denn nicht?“ Es ist ja auch etwas überraschend. Ich betrachte mich selbst als ein von den Nazis Verfolgter.

Meine Antwort lautete: Erstens, der 27. Januar wurde von der UNO-Vollversammlung einstimmig als Gedenktag für die Opfer der Schoah bestimmt, angesichts der Einzigartigkeit der Verbrechen, die am jüdischen Volk begangen wurden. Zweitens – und das ist auch mit dem ersten Teil meiner Antwort verbunden– bat ich um eine Liste der Kategorien der Menschen, die in Deutschland als Opfer des Nationalsozialismus gelten. Diese Liste habe ich bis zum heutigen Tag nicht erhalten.

Und ich glaube, deswegen können Sie es nachvollziehen, warum ich mich damals geweigert habe, diesen Kranz niederzulegen. Der Landtagspräsident musste es ohne meinen Beistand vollbringen.

Die amerikanische Militärregierung hat 1952 eine repräsentative Umfrage unter den Deutschen gemacht und dabei nach den Opfern des Nationalsozialismus gefragt und gebeten, eine Rangfolge anzugeben.

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An die erste Stelle setzten die Deutschen die
• Kriegerwitwen. Also die Witwen der Offiziere der Wehrmacht, der SS, einschließlich der Waffen-SS – letztere war ja genauso sauber wie die Wehrmacht, so hieß es.

Es folgten die
• Ausgebombten. Die Ausgebombten in Hamburg, Düsseldorf, München, Dresden, Berlin usw. Aber nicht die Ausgebombten in Warschau. in Rotterdam, in London, in Belgrad usw. Die waren offenbar nicht Opfer des Nationalsozialismus. Diese Menschen im nationalsozialistisch besetzten Europa, in Großbritannien z. B., die waren keine Opfer des Nationalsozialismus.

Dann kamen an dritter Stelle die
• Flüchtlinge. Sie hießen ja in Deutschland in jungen Jahren „die Vertriebenen“. Sie kamen vorwiegend aus der ehemaligen Tschechoslowakei –die Sudetendeutschen– und auch aus Polen, Oberschlesien, Hinterpommern, Danzig, Ostpreußen usw.

Ich selbst wurde in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren. Und sogar wir Kinder wussten damals, dass die Sudetendeutschen keine loyalen Staatsbürger der Tschechoslowakei waren, sondern systematisch das Land auf Anweisung von Berlin hin unterminierten und maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Tschechoslowakei im März 1939 aufgehört hat zu existieren.

An vierter Stelle waren die
• Hinterbliebenen der Widerstandskämpfer vom 20. Juli.

Das hat mich eigentlich ein wenig überrascht, denn in den 50er Jahren –bis spät in die 80er Jahre hinein– galten doch die Männer des 20. Juli als Verräter.

Als Opfer des Nationalsozialismus wurden die
Juden an fünfter Stelle genannt. An fünfter Stelle. Angesichts dessen fand ich mich bestätigt in meiner Weigerung, diesen Kranz in Saarbrücken niederzulegen.

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Bergen-Belsen

Es hat sich so manches geändert. Das ist wahr. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass praktisch jeder Deutsche nach `45 behauptete, von den Grausamkeiten und dem Völkermord an den Juden nichts gewusst zu haben. Und weil man davon nichts gewusst hat, konnte man ja auch schweigen.

1961, 16 Jahre nach Kriegsende, kam ich zum ersten Mal aufs Gelände des ehemaligen KZ Bergen- Belsen. Damals gab es dort keine Gedenkstätte. Nur die Massengräber. Wir kamen ins Dorf Belsen, 3 km vom ehemaligen KZ entfernt. Ich hatte die groteske Idee, meinen Eltern in Jerusalem von Belsen eine Ansichtskarte zu schicken. Ich ging in den Dorfladen und sah mich um. Als ich die ausgelegten Ansichtskarten sah, war ich mehr und mehr enttäuscht, denn alle zeigten das große Holzkreuz bei den Massengräbern.

Die Frau im Laden bemerkte, dass ich an etwas Anstoß nahm, und sprach mich auf Englisch an, weil ich mich mit meinen Freunden auf Englisch unterhielt. Und das folgende Gespräch entspann sich: Sie:

Ist etwas nicht in Ordnung?“ Ich: „Ich suche eine Karte ohne Kreuz.“ Sie: „Was stimmt denn nicht mit dem Kreuz?

Das Kreuz gab es hier während des Krieges nicht.“
Sie: „Aber das war doch der Friedhof.“
Ich: „Hier gab es keinen Friedhof.“
Sie: „Aber die Leute starben da.“
Ich: „Ja, sie starben, wurden aber nicht beerdigt.“
Sie: „Was geschah denn mit ihnen?
Ich: „Wenn Sie es wirklich wissen wollen – sie wurden verbrannt.“

An diesem Punkt legte sich Stille über den Laden. Die zehn bis fünfzehn Personen, die anwesend waren, lauschten alle dem Gespräch. Ein älterer Herr ging auf die Frau zu und flüsterte ihr hörbar ins Ohr: „Der Herr hat Recht.“ Ich wandte mich sofort an den Mann und antwortete ihm, dieses Mal auf Deutsch: „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Die Stille wurde noch drückender, wenn dies überhaupt noch möglich war.

Die Frau fragte mich nun völlig verblüfft, mit viel leiserer Stimme:

Sie sprechen Deutsch?
Ich: „Ja, gewissermaßen.“
Sie: „Woher wissen Sie das alles?
Ich: „Weil ich dabei war.“
Sie: „Glauben Sie mir, wir wussten nichts.“
Ich: „Meine Liebe, halten Sie mich etwa für einen naiven amerikanischen Touristen, dem Sie alles einreden können?

Und da erzählte ich den Anwesenden von jenem Julisonntag im Jahre `44, als wir nach zehntägiger Fahrt, eingepfercht in Viehwaggons, in Bergen-Belsen ankamen und durch das Dorf gingen. Und ich sagte:

Sie saßen alle auf dem Balkon oder standen am Fenster und sahen unserer Prozession zu. Was dachten Sie eigentlich? Da waren Frauen, die Babys trugen, Kleinkinder, Greise usw. War das alles ein Fall des deutschen Kriegseinsatzes? Ist Ihnen nie aufgefallen, dass das ein Einbahnverkehr war? Also sagen Sie mir bitte nicht, Sie wussten nichts. Sie alle wussten sehr viel und hätten sogar noch viel mehr wissen sollen. Aber Sie waren damals Feiglinge und sind es jetzt auch noch, wenn Sie sich Ihrer Vergangenheit und Ihrem Gewissen nicht stellen wollen.“

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Es ist jetzt wissenschaftlich belegt, dass der Massenmord, dass die Kenntnis über den Massenmord sogar in die Dörfer hinein drang. Sogar der Mord an den Juden durch Giftgas hatte sich schon während des Krieges herumgesprochen.

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Ich glaube, viele sind sich dessen nicht bewusst, dass sich Bundeskanzler Adenauer zwei Jahre lang weigerte, eine Entschuldigung für die Verbrechen der Deutschen bei den Juden einzuholen. Die westlichen Alliierten bestanden darauf. Sie sagten, das sei eine Vorbedingung für die Rückkehr Deutschlands in die zivilisierte Völkergemeinschaft. Die Deutschen wurden in den ersten Nachkriegsjahren ja praktisch als Aussätzige behandelt. Also, das war die Bedingung: Entschuldige dich.

Das wollte Adenauer nicht tun. Schließlich entschied er sich im Jahre `51 im September dafür. Und die Formel, die er damals gewählt hat, ist die vorherrschende Formel bis zum heutigen Tag:

Im Namen des deutschen Volkes wurden furchtbare Verbrechen verübt.

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Im Namen des deutschen Volkes. Diese passive Form. In Deutschland gab es viele Jahre lang nur Opfer.

Aber es gab keine Täter.

Die Juden waren Opfer. Wer waren die Täter? Da hat man sich ausgeschwiegen.

Und was soll das bedeuten: Im Namen des deutschen Volkes? Wer war das eigentlich?

Hier beginnt die Unterscheidung zwischen den Nazis und den Deutschen.

Die Bösen sind die Nazis, aber nicht die Deutschen.

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In Deutschland hat der Topos „Opfer des Nationalsozialismus“ über die Jahrzehnte hinweg dazu gedient, alle zu Opfern zu machen, die nicht Haupttäter waren. Und Haupttäter waren Hitler, Himmler und Kaltenbrunner. Sonst keiner.

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Roman Herzog hat 1996 den weltweiten Holocaust-Gedenktag in der BRD in einen

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus umgewandelt.

Ich glaube, viele Deutsche finden eine bestimmte Befriedigung in dieser Verwässerung der Schoah, darin, dass die Schoah integriert wird in den allgemeinen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Und ich denke, manche Deutsche finden sogar eine bestimmte Befriedigung darin, dass man auf Israel schimpfen kann.

Als mich ein Mitarbeiter der

Frankfurter Allgemeinen Zeitung

in Jerusalem besuchte, sagte er mir sogar: „Die israelische Armee benimmt sich ganz genauso wie die Wehrmacht.“

Und ich verstehe bis zum heutigen Tag nicht, warum ich ihn nicht sofort hinausgeworfen habe aus meiner Wohnung.

Ich wollte höflich und zivilisiert bleiben. Aber dieser Vergleich, der passt manchen Deutschen sehr gut. „Wenn die Juden so schlecht sind, waren wir vielleicht nicht so schlecht, wie wir angenommen hatten.“ Also, Relativierung der Schoah.
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Anmerkung:
Das war der FAZ-Mann Jörg Bremer vgl.: „Die Geschichte der jüdischen Siedlungen im Westjordanland und im Gaza-Streifen“, Faz 5. Juni 2001 sowie „Israels Siedler als Kriegsverbrecher?“, FAZ, 6. Juli 1998.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Deutsche Erinnerungskultur 2015

Todesanzeige in der FAZ mit Eisernem Kreuz der Wehrmacht
(Hakenkreuz entfernt).

Diese provokanten Anzeigen werden ständig in der FAZ geschaltet (und nur von dieser akzeptiert).

• Zuletzt am 5. Mai 2015 unter einem Artikel über Tocotronic.
Deutschpop gilt der FAZ als neue deutsche Nationaldichtung.
Tocotronic haben damit kein Problem.

• Eine Anzeige mit dem Eisernen Kreuz war am 18. April 2015 auf der Rückseite eines Artikels über Orador abgebildet.
Daneben eine Traueranzeige der Bundeskulturstiftung für Günter Grass.
Von der Bundeskulturstiftung lebt die neue deutsche Nationaldichtung (poplinke und poprechte Kulturszene der Berliner Republik).

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