Politisch gelenkte Erinnerungspolitik am Beispiel des Eimsbütteler „Monats des Gedenkens”

Monat des Gedenkens
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( Nachtrag zu diesen Fotos im Januar 2017: Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ist kein Tatort und kein Friedhof. Der Staat „Deutschland“, der 1989 als Sieger aus der Geschichte hervor ging, gedenkt hier nutzbringend der Opfer der Deutschen, während die Namen der Täter weiterhin überwiegend ungenannt bleiben. Als Shahak Shapira 2017 für sein Yolocaust-Projekt Selfies aus dem Netz zusammen stellte, hat er über diese Zusammenhänge offensichtlich kaum nachgedacht. Er ignorierte zudem alle Fotos mit einer explizit DEUTSCHEN Leugnungsabsicht: Seit der WM 2006 gehört es zu den beliebtesten Motiven, sich – wie hier zu sehen – triumphierend mit der Deutschlandfahne auf das Mahnmal zu stellen. Diese Fotos sind anders zu bewerten als die vielen Erinnerungs-Selfies, die keineswegs alle so ignorant wirken wie die von Shapira ausgewählten ).

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Deutsche Staatsräson und deutscher Triumphalismus

Politisch gelenkte Erinnerungspolitik
am Beispiel des Eimsbütteler „Monats des Gedenkens”

in zehn bebilderten Kapiteln

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FAZ, 8. Mai 2015
Deutschland schafft Exportrekord
Die deutsche Wirtschaft hat so viel exportiert und importiert wie noch nie. Die Ausfuhren zogen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 12,4 Prozent auf 107,5 Milliarden Euro an. „Das ist eine neue Bestmarke“, teilte das Statistische Bundesamt mit.

FAZ, 8. Mai 2015
Deutschland als Ganzes
Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht – doch das Deutsche Reich bestand fort. Auch das Bundesverfassungsgericht entschied 1973, die BRD sei „als Staat identisch mit dem Staat Deutsches Reich“. Seit dem Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990 hat Deutschland wieder „volle Souveränität über seine äußeren und inneren Angelegenheiten“.

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Deutschland geht es richtig gut
befand die „Zeitung für Deutschland“ im April 2015 auf ihrer Titelseite. Ausgerechnet Deutschland ist heute in Europa die führende Macht und eine der größten Wirtschaftsmächte in der Welt. „Warum macht bloß die Geschichte diesen schlechten Witz?“ fragte schon 1987 Franz-Josef Degenhardt in „Tango Du Midi“, einem Lied über ein französisches Dorf, in dem die SS fünfzehn französische Widerstandskämpfer erschossen hatte.

Für junge und alte Deutsche, die heute auf der Sonnenseite stehen, ist jede Erinnerung an die Quelle des eigenen kollektiven wie persönlichen Wohlstandes – Ausbeutung von Sklavenarbeit und Ausraubung der überfallenen Länder ohne spätere Zahlung von Reparationen – und des damit verbundenen Gewichts Deutschlands in Europas und der Welt einerseits durchaus unangenehm, andererseits ist eine gewisse Erinnerung nicht zu vermeiden, damit diese hegemoniale Position nicht gefährdet wird.

Jede allzu demonstrative Uneinsichtigkeit wäre für Deutschland politisch riskant. Der Umstand, dass es formal immer noch Reparationen und Restitutionen betreffende Besatzungsrechte gibt, könnte wieder ins Gewicht fallen, wenn sich die latente und verstreute Opposition gegen das neue German Empire zu einer politischen Bewegung verdichtet.

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Griechenland

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Vor diesem Hintergrund hat sich in Deutschland eine verbindliche Staaträson herausgebildet, die das politische Personal und die Staatsbürger auf eine Sprechweise verpflichtet, die Rücksicht auf die „Empfindlichkeiten“ der Außenwelt nimmt. Die dabei entwickelten Formeln deckten sich noch nie mit dem Alltags- und Selbstbewusstsein der Normaldeutschen. So lange aber die politischen Eliten selbst diese Staaträson für unvermeidlich hielten, war diese Diskrepanz kein Problem.

Doch der deutsche Machtzuwachs seit 1990, der Umzug des Parlaments in den Berliner Reichstag, das „Comeback der Weltstadt Berlin“, die wieder als selbstverständlich geltenden Auslandseinsätze der deutschen Armee, die „Patriotismus“-Welle seit der Fußball-WM 2006 und allgemein der exportnationalistische Stolz auf deutsche Wirtschaftsleistungen, die auf der Kombination von patriotischem Lohnverzicht und Technikperfektionismus beruhen, haben inzwischen auch bei der politischen Klasse zu einem großdeutschen Triumphalismus geführt, der wiederum „von unten“ als Aufforderung zur Hemmungslosigkeit verstanden wird. Am Beispiel der Griechenland-Hetze lässt sich verfolgen, wie das Zusammenspiel von Volk & Eliten eine Eigendynamik entfaltet, die irgendwann nicht mehr politisch-rational zu steuern ist.

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Noch gibt es immer wieder politische Initiativen von oben, die die Diskrepanz zwischen Chauvinismus und strategischem Kalkül ausbalancieren wollen. Momentan fällt diese Rolle öfters dem Bundespräsidenten Gauck zu, der noch im vergangenen Jahr vor allem mit der Forderung nach mehr Auslandseinsätzen aufgefallen ist. Jetzt musste er in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zur Mäßigung aufrufen: „Wir sind ja nicht nur die, die wir heute sind, sondern auch die Nachfahren derer, die im Zweiten Weltkrieg eine Spur der Verwüstung in Europa gelegt haben – unter anderem in Griechenland, worüber wir beschämend lange wenig wussten“.

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Doch an der fehlenden Empathie der Deutschen, ihrer „Unfähigkeit zu trauern“, wird sich nichts ändern. Geschichtsrevisionismus gehört seit 1945 zum deutschen Psychohaushalt. Als „Kollektiv“, zumal als unverkrampft patriotisches, das wieder Stolz auf Deutschland sein will, ist den Deutschen Mitgefühl grundsätzlich nicht möglich. Daher der unendliche Bedarf an TV-Serien über Flucht, Vertreibung, Vergewaltigung, Bombenterror, traumatisierte Kriegskinder etc., also an den „Verbrechen der anderen“.

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Um die Staatsbürger trotz dieser fehlenden Empathie für die außenpolitisch verbindliche Lesart zu gewinnen, wonach Deutschland sich dafür die bedanken hat, dass die Alliierten der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft ein Ende bereitet haben, wird die Sache heute so dargestellt, als hätte die Anti-Hitler-Koalition dafür gekämpft, dass die Deutschen sich wieder was leisten können.

Daran, dass sie sich etwas leisten können, gibt es keinen Zweifel: Der Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz steuert in Relation zur Wirtschaftsleistung auf die Marke von 10 Prozent zu. Die von den von Deutschland abhängigen Ländern gezahlten Zinsen fluten den deutschen Staatshaushalt. Die uneinholbare Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportindustrie, die anderswo zu Verschuldung, Massenarbeitslosigkeit und politischer Instabilität führt, sichert hier den ohnehin beispiellosen sozialen Frieden. „Es arbeiten in diesem Jahr so viele Menschen wie noch nie. Die Löhne steigen, die Fußgängerzonen sind voll, das Bruttoinlandsprodukt wächst. In diesem Jahr werden die öffentlichen Haushalte einen Überschuss von 20 Milliarden erwirtschaften. Daraus entsteht ein Luxusproblem: Wohin mit dem Geld?“ (FAZ, 17.4.2015)

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Eimsbuettel

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Aber vom deutschen Erfolg zu profitieren und zugleich eine politisch erwünschte korrekte „Gedenkkultur“ am Laufen zu halten, ist eine Aufgabe, die einen erheblichen politischen, rhetorischen und auch materiellen Aufwand erfordert.

Träger der deutschen Gedenkkultur sind die bildungsbürgerlichen Milieus, die morgens mit dem Bankberater klären, wie man angesichts von Nullzinsen und Inflation das geerbte Vermögen anlegen sollte und nachmittags „gegen das Vergessen“ an der „Marathon-Lesung aus verbrannten Büchern“ teilnehmen. Das emotional und politisch unter einen Hut zu bringen, ist durchaus nicht einfach.

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Es gehört zum Auftrag dieser Milieus, dem Rest der Bevölkerung, der die Staatsräson überhaupt nicht passt, die den „Schlussstrich“ will und zugleich von den „Geschichts-Dokus“ im TV nicht genug kriegen kann, bei der erinnerungspolitischen Stange zu halten.

Da es nicht so einfach ist, deutsche Patrioten davon zu überzeugen, dass die deutsche Niederlage am 8. Mai 1945 ein Grund zum Feiern ist, bemüht man sich, die Leute mit einem rhetorischen Trick zu ködern: Millionen Rotarmisten, aber auch Amerikaner und Briten hätten große Opfer gebracht, um nicht nur „den Europäern eine bessere Zukunft zu schenken“, sondern „auch den damals noch uneinsichtigen Deutschen“. Daher solle sich doch bitte auch der exportstolze Normalpatriot von heute daran erinnern, dass „die blutige Niederlage der Väter, Großväter oder Urgroßväter das größte geschichtliche Glück ist“, das den Deutschen zuteilwerden konnte. Da man aber weiß, was man deutschen Patrioten mit dieser Darstellung zumutet, folgt am Ende meistens noch die Behauptung, die „Befreier“ (kein alliierter Soldat kämpfte für die „Befreiung der Deutschen“) hätten 1945 letztlich auch für den größten deutschen Glücksfall gekämpft – für die „deutsche Einheit“.

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Das Selbstbild der Berliner Republik
hat sich von der Erinnerung an den Nationalsozialismus abgelöst

Seit der Einweihung der Neuen Wache 1993, die „den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ gewidmet ist, ist zu beobachten, wie die Trennschärfe des Opferbegriffs schwindet. Zudem wurde die altbekante Betonung der Leiden der Deutschen in den 1990er Jahren durch eine Neubelebung der Totalitarismusthese ergänzt: Gleich unter zwei Diktaturen hätten die Deutschen gelitten, bevor sie wieder als „ein Volk“ in Freiheit leben konnten.

Obwohl die Beteiligung der deutschen Bevölkerung an den nationalsozialistischen Verbrechen nicht mehr verschwiegen wird, wírd das Bild dieser Zeit vom wohlfeilen Konsens eines Opferkollektivs überlagert, das auch die Deutschen der NS-Zeit sowie die der Nachkriegszeit (Flucht, Vertreibung, Bombenkrieg) einschließt. Zuletzt war das besonders eindrücklich an dem mit massiver öffentlichen Förderung entstandenen Fernsehmehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ sowie an der politisch gesäuberten Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ zu beobachten.

NEU an dieser neuen Variante des Geschichtsrevisionismus des Staatsfernsehens ist, dass die Verbrechen nicht mehr geleugnet werden, die nun zu „Zeitzeugen“ aufgewerteten Täter aber zugleich als Opfer bzw. Verführte darstellt werden. Zudem erlaubt der neue Erinnerungsstolz auch eine Abrechnung mit den „Verbrechen der anderen“, die es in diesem Umfang zuvor wenigstens öffentlich nicht gegeben hat.

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Noch einschneidender ist jedoch eine andere Veränderung: Der ganze „Vergangenheitsdiskurs“ hat seine unmittelbare Relevanz für die konkrete deutsche Außenpolitik weitgehend verloren.

Das politische Handeln der europäischen Hegemonialmacht hat sich von den „Geschichtsdebatten“ schon weitgehend emanzipiert. Wenn daher in TV- „Geschichts-Dokus“ Wehrmachtssoldaten und Holocaust-Überlebende als gleichwertige „Zeitzeugen“ präsentiert werden, hat das auf das politische Tagesgeschäft so gut wie keine Auswirkungen mehr.

Das war nicht immer so. Die Wehrmachtsausstellung (1995 bis 1999 und von 2001 bis 2004) war deshalb so umkämpft, weil damals jedes Urteil über die Verbrechen der Wehrmacht direkte Auswirkungen auf den deutschen außenpolitischen und den damit verbundenen innepolitischen Konsens hatte. Eine völlige Leugnung der Verbrechen hätte die deutsche Teilnahme am Angriff auf Belgrad im März 1999 und damit den ersten deutsche Angriffskrieg seit 1945 unmöglich gemacht, während ein Schuldeingeständnis ohne Relativierungen („die Generation der Wehrmachtssoldaten war willentlich am Vernichtungskrieg beteiligt“) innenpolitisch zu einer starken Rechtsentwicklung geführt hätte.

Doch spätestens seit Jörg Friedrichs Bestseller „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945“ im Jahr 2002 wurden die Verbrechen der Wehrmacht mit den „Verbrechen der Anti-Hitler-Koalition“ erfolgreich verrechnet und vier Jahre später war die Zeit reif für einen neuen „unverkrampften“ Massen-Patriotismus.

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Thomas Ebermann

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Seither haben Relativierungen der deutschen Verbrechen im politischen Raum keine Folgen mehr. Alle außenpolitischen Ziele, die eine vorzeigbare „Läuterung“ der Deutschen zur Voraussetzung hatten, wurden bis zur Einführung einer einheitlichen europäischen Währung im Jahr 2002 erreicht.

Die Welt hat Deutschlands „Gutwerdung“ trotz allem weiter bestehenden Mißtrauen akzeptieren müssen. Proteste aus den USA, aus Polen oder aus Israel gegen neue Versuche der Relativierung – zuletzt auch gegen „Unsere Mütter, unsere Väter“ – bleiben politisch folgenlos, da Deutschland jetzt insgesamt nicht mehr unter Verdacht gestellt werden konnte.

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Nach 25 Jahren erfolgreicher „Vergangenheitsbewältigung“ hängt von den Erinnerungs-Diskursen tagespolitisch immer weniger ab. Wie sehr das heute der Fall ist, zeigt die deutsche Einmischung in die Auseinandersetzungen um die Krim und die Ukraine. Sowohl außenpolitisch wie auch in den deutschen Medien und in der Alltagsdiskussion spielen dabei die Verbrechen der Wehrmacht und der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei (bzw. Polizeibataillone) im „Reichskommissariat Ukraine“ (z.B. in Iwangorod, Babyn Jar und Drobyzkyj Jar) absolut keine Rolle.

Um 1999 mit gutem Gewissen Bomben auf Belgrad werfen zu können, war noch ein erheblicher Rechtfertigungsaufwand notwendig, der dann zu der bekannten Lüge führte, im Kosovo müsse die Bundesswehr ein neues Auschwitz verhindern. Heute kommt niemand auch nur auf die Idee, dass das „vereinte Deutschland“ aus „historischen Gründen“ zu ukrainischen Angelegenheiten (wie auch im Fall der Krim) besser die Klappe halten sollte.

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Der Zusammenhang zwischen der Herausbildung der neuen deutschen „Erinnerungskultur“ und der notwendigen Legitimation der „Wiedervereinigung“ ist evident und wird auch von staatlicher Seite nicht geleugnet:

Niemand bezweifelt, dass der durch die Einverleibung der DDR entstandene wirtschaftliche und politische Kolloss, der heute Europa beherrscht, ohne staatsoffizielle Annahme der Verantwortung für die NS-Verbrechen nicht möglich gewesen wäre. Die Bonner Republik konnte zu Superdeutschland nur aufsteigen, indem sie sich zur deutschen Schuld am Vernichtungskrieg und zur Vernichtung der europäischen Juden bekannte. Die deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ war daher eine produktive Ressource auf dem Weg zur europäischen Vormacht. Ohne die symbolischen Schuldbekenntnisse ( justiziable Schuldbekenntnisse wurden immer vermieden) wäre der politische Widerstand in Europa gegen die deutsche Hegemonie zu massiv gewesen

Der Verdacht der anderen, dass die Deutschen ältere Europa-Programme unter neuen Vorzeichen verfolgen, kann seit dem geschichtspolitischen Wandel nicht mehr gegen Deutschland gewendet werden. Es zeugt heute nur noch von Verzweifelung, wenn in den bei Deutschland verschuldeten Ländern Angela Merkel mit Hitler verglichen wird. Den Erinnerungsweltmeister bringt das nicht mehr aus dem Konzept. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass die neue deutsche Arroganz langfristig doch noch politische Folgen haben wird.

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Hakenkreuz

Bezirksversammmlung

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Die Indienstnahme der Gedenktätten für die politische Selbstdarstellung der Berliner Republik verwandelt diese in vom politischen Geschehen abgtrennte christliche Sakralbauten

Im Zentrum der deutschen Legitimationsstrategie stehen seit den 1990er die Gedenkstätten, die im Westen vorher überwiegend nicht erwünscht waren. Mitte der 1990er Jahre wurde die zentralisierte Gedenkstättenförderungen des Bundes (zuständig ist ein Kulturstaatsminister in Berlin) zum symbolischen und materiellen Ausdruck der offiziellen Gedenkpolitik. Diese Förderung gilt als lohnende außenpolitische Investition und ist daher mit rund 35 Millionen Euro ein fester Posten im Bundeshaushalt (hinzu kommen Landesmittel).

Die Gedenkstätten und Dokumentationszentren und ihr hochprofessionelles Personal spielen seit 1994 eine zentrale Rolle bei der staatlichen Begehung der Jahrestage der Befreiung von Auschwitz und der Konzentrationslager in Deutschland. Auf diesem Weg sind Gedenkstätten, Gedenktage, Erinnerungswochen etc. zum stablisierenden Faktor Deutschlands als einem der international einflußreichsten Staaten geworden.

Diese Situation ist nicht mehr zu vergleichen mit den Gegensätzen der 1970er und 1980er Jahre, als Initiativen und Einzelpersonen mit großem Aufwand und mit gesellschaftskritischer Stoßrichtung gegen massive Widerstände Nazi-Verbrechen recherchierten, die Einrichtung von Gedenkstätten forderten und an Opfer und Täter erinnerten.

Die inzwischen verstaatlichten Gedenkstätten fungieren in der Berliner Republik einerseits wie Historische Museen (die Gedenkstätte Neuengamme nimmt in Hamburg an der „langen Nacht der Museen“ teil), andererseits wie säkulare Kirchen (Sakralbauten mit Grabanlagen), in denen das steuerfinanzierte Personal (Historiker, Pädagogen, Geschäftsführer etc.) die Rolle einer Priesterschaft spielt, die verantwortlich ist für staatskonforme Gedenk- und Opferrituale.

Dieses seinem Auftraggeber verpflichtete Personal übt die Diskurshoheit auf diesem „Themenfeld“ aus und wacht über die richtige Auslegung der „Erinnerung“. Selbst die Verbände der Überlebenden (Internationales Sachsenhausen-Komitee, Amicale Internationale de Neuengamme und andere) haben kaum noch Einfluss auf die von der Politik abhängigen Gedenkstätten und die „Gedenkstättenkonzepte“ der Bundes- und Landesregierungen.

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Diese Indienstnahme von Orten, die an die Nazi-Taten erinnern, für die politische Selbstdarstellung der Berliner Republik, wird heute auf höchstem professionellem Niveau (Gedenkstättengeschäftsführer, Professoren, ganze Universitätsfakultäten, Vereinigungen für politische Wissenschaft, Zentren für Bildungsintegration, Zentren für Zeithistorische Forschung, Institute für Bildungswissenschaft, Kunstnetzwerke etc.) exklusiv organisiert, zum Beispiel über Kongresse, die von der „Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft“ (gegründet mit „Restgeldern“ des Zwangsarbeiterfonds) finanziert und der „Agentur für Geschichte, Politik und Medien“ (vorher „Verein Lernen aus der Geschichte“, ausgezeichnet mit dem „Einheitspreis – Bürgerpreis zur deutschen Einheit“) als „maßgeschneiderte Projektumsetzungen“ durchgeführt werden.

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So verdrängte man die Initiativen von damals und bot zugleich Einzelnen die Möglichkeit zu konformistischen Karrieren im institutionalisierten Netzwerk der „Gedenkkultur“. Diese profesionellen Fachkräfte der staatlichen Gedenkkultur dominieren das gesamte Feld und sorgen dafür, dass dort kein kritischer Ton gegenüber Deutschland an Boden gewinnt.

Dazu gehört selbstverständlich auch die Kunst, Kritik an dieser Entwicklung erst aufzunehmen und dann wieder affirmativ zu wenden. So entstehen dann Ankündigungen wie diese: „Sind Gedenkstätten beunruhigende Orte oder Inszenierungen erfolgreicher Vergangenheitspolitik? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Heft 16 von Gedenkstätten und Geschichtspolitik, hrsg. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Bremen 2015.“

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Den Fachkräften der staatlichen Gedenkkultur entgeht selbstverständlich nicht, dass das staatlich gestützte Gedenken und die öffentliche Meinung meilenweit auseinander klaffen. In dem Land, in dem seit 2006 ein Meer aus schwarzrotgoldenen Fahnen als „ganz normaler Patriotismus“ gilt, wollen 80 Prozent der Leute die Geschichte der Judenverfolgung lieber „hintersich lassen“ und endlich einen „Schlusstrich“ ziehen.

Doch das ist nicht mehr der Schlussstrich, den die Tätergeneration einst ziehen wollte.
Es ist der Schlusstrich jener, die nicht mehr leugnen müssen, weil es „halt so war damals“. Es ist der Schlussstrich in einer Zeit, in der die „Vergangenheit“ eine deutlich geringere Konfliktrelevanz hat, in der die Schrecken des Nationalsozialismus immer weniger Reibungspunkte in der politischen Auseinandersetzung bilden.

Mit den Verbrechen der Wehrmacht, die in den Neunzigern noch aggressiv geleugnet wurden, ist man heute „durch“. Die FAZ, die einst an der Spitze der Gegner der Wehrmachtsausstellung stand, bespricht heute locker jedes neue Buch zu dem Thema positiv und behauptet, das sei doch alles immer schon bekannt gewesen.

Umgekehrt veranstaltet Reemtsmas HIS-Institut heute Bundeswehr-Tagungen. Zuletzt im Juli 2014 mit Themen wie: „Militärische Professionalität im Umbruch“, „Operatives Denken und militärische Professionalität“, „Professionalitätsideale im Afghanistan-Einsatz“. Chefmilitarist beim HIS ist Klaus Naumann, früher SDS und MSB-Spartakus.

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Es geht also nicht mehr darum, dass es diese Verbbrechen gegeben hat, sondern darum, dass sie ihre polarisierende Wirkung weitgehend verloren haben und daher für die deutsche Politik weniger Bedeutung haben.

Was früher abgewehrt wurde, ist heute in eine national-repräsentative Gedächtnislandschaft eingebunden und wird von ihr neutralisiert. Die nationalsozialistischen Verbrechen, die man früher lieber verschwiegen hat, sind eingebettet in eine Erzählung, an deren Ende die „Berliner Republik“ als Happy End steht:

Am Ende des 20. Jahrhunderts müssen die Deutschen mit der Erinnerung an zwei deutsche Diktaturen und ihre Opfer leben. Die Notwendigkeit von Aufarbeitung und Erinnerung an die beiden Diktaturen ist heute Teil des demokratischen Selbstverständnisses im vereinten Deutschland. Die Erinnerung an die beiden Diktaturen, die die Feindschaft gegen Demokratie und Rechtsstaat verbunden hat, schärft das Bewusstsein für den Wert von Freiheit, Recht und Demokratie. Dies, wie die notwendige Aufklärung über die Geschichte der beiden Diktaturen, ist der Kern des antitotalitären Konsenses und der demokratischen Erinnerungskultur der Deutschen.“ (Bericht der 2. Enquetekommission des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, 1998).

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Inzwischen wird die Liste der staatlichen Gedenkstätten ständig um solche erweitert, die dieses Happy End einbeziehen: Vom „Ehrenmal der Bundeswehr“ bis zum „Denkmal für Freiheit und Einheit“, das ganz offiziell als Teil der staatlichen „Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption“ gilt.

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Thomas Ebermann

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Zum Eimsbütteler „Monat des Gedenkens”

Eimsbuettel Gedenkmonat
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Eimsbüttel – ein Stadtteil ohne Täter
Zum Eimsbütteler „Monat des Gedenkens”

Im April und Mai 2015 findet zum zweiten Mal der “Monat des Gedenkens” in Eimsbüttel statt. Der Untertitel lautet: „Erinnern an Opfer und Widerstand während des NS-Regimes“.

Von Tätern ist in der Ankündigung keine Rede. Unter den 60 Veranstaltungen gibt es tatsächlich nur zwei, die Täter konkret benennen. In der flotten Ankündigung des Anzeigenblattes „Eimsbütteler Nachrichten“ ist auch dafür kein Platz:

„In den Kammerspielen hört ihr am Samstag jüdische Schlager. Am Sonntag könnt ihr dabei helfen, die Stolpersteine blank zu polieren. Neben Theatern wie den Kammerspielen und dem Mut!Theater ist auch das Abaton dabei, genauso wie diverse Kirchenverbände, Bürgerinitiativen und die Bezirksversammlung. Die Projekte der Eimsbütteler Erinnerungskultur präsentieren sich mit einem bunten Spektrum der Gedenkarbeit, in der an den Rand gedrängte Geschichte der lokalen Aufmerksamkeit wieder zugänglich gemacht wird.

Dass die zur Staaträson gewordene Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen überwiegend ohne Täter auskommt, fällt auf lokaler und familiärer Ebene besonders auf. Die Lokalgeschichte und die eigene Familiengeschichte extistieren völlig unverbunden neben christlich getönten Gedenkritualen. Während zu den NS-Opfern heute auch deutsche „Bombenopfer“ gezählt werden, fragt kaum jemand, wer in der näheren Umgebung oder in der Familie an den NS-Verbrechen beteiligt war. Dadurch werden die wirklichen Opfer der deutschen Verbrechen zu Opfern eines mythologischen „Bösen“, einer das Weltgeschehen negativ beeinflussenden Macht. Sie sind womöglich dafür verfolgt oder ermordet worden, um deutsche Stolperstein-Paten von ihren Sünden frei zu machen.

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Die Auslassung der lokalen und familiären Tätergeschichte ist dann auch der Hauptgrund dafür, dass der Eimsbütteler „Monat des Gedenkens” vor allem aus Kulturveranstaltungen besteht.

Gerade weil man von der Tätergeneration nicht reden will, flüchtet man sich in die spirituelle Dimension eines MEDIUMS, in die mediale Vermittlung durch Theater, Film, Lesungen. Hier, in der unpersönlichen Zone, können dann die Tränen fließen. Man ist gerührt – vor allem von sich selbst. Die Psyche tritt zu einem transzendenten Erlebnis an – zur Imagination einer Einheit mit den Opfern – das schließlich mit der eigenen Wiederauferstehung endet.

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Doch wie schon im Fall der TV-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder im Fall der „Verbrechen der Wehrmacht“ hat auch die Frage nach den lokalen oder familiären Tätern inzwischen ihre Relevanz verloren. Darin besteht die entscheidende Veränderung seit der „Überwindung“ der Kontoversen in den 1990er Jahren und der darauf folgenden erfolgreichen Etablierung der neuen deutschen Erinnerungskultur seit Anfang der 2000er Jahre.

Zum einen stehen „vor Ort“ für den Fall, dass es Täter im sozialen Umfeld oder in der Familie gibt, längst Entschuldigungs- und Rechtfertigungstheorien zur Verfügung. Es gilt als ausgemacht, dass die Täter an den Verbrechen nur teilgenommen hatten, weil sie in der Angst gelebt hätten, bei nicht-gruppenkonformem Verhalten selbst ins KZ zu kommen. Oder – weniger dramatisch – weil sie sich von der „Situation“ haben „verführen“ lassen :

Na ja, man muss sich ja mal überlegen, in welchen Situationen unsere Väter oder Großväter gewesen sind. Die haben zweifellos mitgemacht, sie haben zweifellos diesen Krieg ausgefochten, sie haben zweifellos die Juden verfolgt, und so weiter und so fort. Das ist alles überhaupt nicht zu bestreiten. Aber sie sind zugleich auch hereingelegt worden, sie haben sich zum Teil verführen lassen, sie haben zum Teil nicht richtig gewusst, was sie taten. Die sind Menschen gewesen, genau wie wir. Nur glücklicherweise sind wir nicht in so einer Situation“. (Der Althistoriker Christian Meier in Deutschlandradio Kultur am 29.4.2015).

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Vor allem aber spielt es für den Zweck des Eimsbütteler „Monats des Gedenkens” gar keine Rolle, wer es gewesen ist. Der Nachweis einer konkreten Täterschaft ist für die politische Gegenwart inzwischen ohne jede Bedeutung, weil sich das deutsche Gedenkkollektiv inzwischen insgesamt in der Phase des Happy Ends befindet:

ALLES IST GUT! Deutschland ist vereint und man ist stolz darauf. Deutschland ist erfolgreich. Deutschland ist respektiert in der Welt. Deutschland ist das Land der Träume für Menschen in vielen anderen Ländern. Das Goethe-Institut meldet eine Rekordbeteiligung bei deutschen Sprachkursen. Der deutsche Billiglohnsektor, die geringe Zahl der Streiks und die deutsche Technikbegeisterung faszinieren die Eliten in den unterlegenen Ländern. Und obendrein ist Deutschland auch noch Erinnerungsweltmeister – die vom deutschen Staatsfunk produzierten Filme über Hitler & Co. sind Marktführer von Indien bis Afrika.

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Beim seit 2014 existierenden Eimsbütteler „Monat des Gedenkens” will niemand wissen oder thematisieren, warum es diese Veranstaltung nicht schon seit 20 oder 40 jahren gibt, sondern erst JETZT.

Womit waren die Leute, die heute Stolpersteine putzen, eigentlich in den Jahrzehnten davor beschäftigt? Haben sie abgewartet bis die Tätergeneration unter der Erde liegt und das Erbe ausgezahlt war?

In Eimsbüttel tut man so, als sei das „Gedenken an die NS-Opfer“ Ergebnis eines jahrzehntelangen mutigen zivilgesellschaftlichen Engagegements, das jetzt endlich Erfolg hat.

Man will nichts davon wissen, dass der Eimsbütteler „Monat des Gedenkens” nichts anderes ist als die lokale Umsetzung der von oben verordneten „gedächtnispolitischen Neupositionierung der Bundesrepublik“, in der die außenpolitischen Notwendigkeiten und der innenpolitische Konsens miteinander vermittel werden.

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Bezirksversammlung
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Seit 1990 entwickelt sich im ’neuen’ Deutschland ein Nationalgefühl, wie es vorher in der BRD und in der DDR nicht gekannt wurde. Diese positive Bezugnahme auf Deutschland und deutsche Symbole steigerte sich mit jeder neuen Stufe der erinnerungskulturellen „Wiedergutwerdung“. Je „geläuterter“ Deutschland sich darstellt, desto mehr Deutschlandfahnen werden geschwungen. Der „unverkrampfte Patriotismus“ wird von Staat & Medien gleichzeitig angeheizt und kontrolliert.

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Es gibt Völker, die uns um die Stolpersteine beneiden

Bezirksversammlung
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Der Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“ musste GEGEN niemand durchgesetzt werden:

„Nachdem die Bezirksversammlung Eimsbüttel (in Hamburg ein Organ der staatlichen Verwaltung) die Einrichtung eines Gedenkmonats beschlossen hatte, gründete sich eine offene Arbeitsgemeinschaft, in der ALLE mitwirken können, die sich an Veranstaltungen beteiligen bzw. eigene Aktivitäten entwickeln möchten. Einen ganzen Monat lang präsentieren Initiativen, Kultureinrichtungen, Kirchengemeinden, Stadtteilvereine, Schulen, Gruppen und Institutionen Projekte der lokalen Eimsbütteler Erinnerungskultur: ein buntes Spektrum der Gedenkarbeit.“

Das Geleitwort zum Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“ steuert mit Mechthild Führbaum eine sozialdemokratische Bezirkspolitikerin bei, die 2005 als Mitglied des Kerngebietsausschusses die Privatisierung der letzten großen öffentlichen Erholungsfläche im dicht bebauten Eimsbütteler Kerngebiet zugunsten eines evangelikalen Klinikkonzerns betrieb (Bebauungsplan Eimsbüttel 9).

Gleich in den ersten Sätzen werden Opfer und Täter zur gemeinsamen Gruppe der Traumatisierten:

„Vor 70 Jahren lag Hamburg in Trümmern. Die wahre Tragik dieser grauenhaften Geschehnisse findet sich in den tiefen seelischen Wunden und geistigen Narben wieder, die davon getragen wurden.“

Hamburg, Trümmer, Wunden, Narben – es ist der Code den alle verstehen. Die Eimsbütteler sollten sich deshalb an „den Terror, das Grauen und die Konsequenzen aus dieser dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte zu erinnern.“ Führbaum lässt offen, was sie mit „Terror und Grauen“ meint, aber sie verrät es durch das Bild von der „dunkelsten Stunde“.

Genau so haben die Deutschen den 8.Mai 1945 empfunden – als den totalen Zusammenbruch nach dem „totalen Krieg“. Beim Waffenstillstand 1918 war die Front von der Reichsgrenze weit entfernt. Diesmal waren die Truppen der Antihitlerkoalition kämpfend ins Reichsinnere vorgedrungen. Die Deutschen hatten keinen Staat und keine Regierung mehr. Eine „dunkle Stunde“ eben.

Unvermittelt fährt Führbaum fort:

„Das Morden, die Verfolgung begann nicht im fernen Auschwitz oder Treblinka, sondern vor der eigenen Haustür, in der Nachbarschaft, in der Straße.“

Wer waren die Mörder und Verfolger? Jedenfalls niemand aus dem Kreis der Eimsbütteler Bürger, denn alles geschah VOR ihrer Haustür, während sie selbst DAHINTER blieben. „Daran erinnern“, fährt Führbaum fort, „in Hamburg heute 4825 Stolpersteine. Mit über 50.000 verlegten Stolpersteinen ist dieses Erinnerungsprojekt das wohl größte in Europa und weltweit.“

Ja, Deutschland ist Erinnerungsweltmeister und Eimsbüttel ist an diesem Titel mit 10 Prozent beteiligt! Führbaum denkt wie Professor Eberhard Jäckel, der über das Berliner Holocaust-Mahnmal die irre Aussage machte: „Es gibt Völker, die uns um das Mahnmal beneiden.“

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Teilnehmer

Teilnehmer am Eimsbütteler Monat des Gedenkens sind unter anderem:

• Apostelkirche – Ev.-Luth. Kirchengemeinde
• Bezirksversammlung Eimsbüttel
• Eimsbütteler Turnverband e.V.
• Ev.-Luth. Kirchengemeinde Eimsbüttel
• Ev.-Luth. Adventskirche und Christophorushaus
• Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schnelsen
• Golem Große Elbstraße (Thomas Ebermann)
• Grindel leuchtet. Eine Anwohnerinitiative.
• Kreisvorstand GRÜNE Eimsbüttel, Geschäftsstelle
• Vers- und Kaderschmiede Thomas Ebermann Polittbüro
• Aktion Bücherverbrennung Nie Wieder! – 15. Marathonlesung aus verbrannten Büchern.

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Teilnehmer der „Marathonlesung – Bücherverbrennung Nie Wieder!“ waren bisher unter anderen:

Hauptpastor Helge Adolphsen, Thomas Ebermann, ETV-Vorsitzender Frank Fechner, Bischöfin Kirsten Fehrs, Bischöfin Maria Jepsen, Hauptpastor Alexander Röder, Ex-Bürgermeister Ortwin Runde, Vizebürgermeisterin Dorothee Stapelfeldt, Karin Freifrau von Welck, 2004 Kultursenatorin von Ole von Beust, seit 2007 Präsidiumsvorstand des Evangelischen Kirchentages.

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Über jede dieser Institutionen und Personen (und auch über die meisten der hier nicht extra aufgezählten) müsste eine Geschichte erzählt werden. Zum Beispiel über die verschwiegene Nazi-Geschichte der beteiligten Kirchengemeinden. Seit Jahren veranstalten sie Gedenkgottesdienste für nicht weiter eingegrenzte „NS-Opfer“, aber verlieren kein Wort über die NSDAP-Mitgliedschaft ihrer Pastoren, über ihre Rolle bei der Euthanasie oder darüber wie sie nach 1945 Nazis zur Flucht verholfen haben. Die Fotos von ihren Umzügen durch Eimsbüttel mit Hakenkreuzfahnen sind im Internet nicht zu finden. Eisern geschwiegen wird auch über Nazi-Pastoren, die Geschäftsführer von Eimsbütteler Krankenhäusern waren:

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• Das Eimsbütteler klerikale Krankenhaus Elim entstand 1927 als “Erweckungsbewegung” einer aggressiv auftretenden evangelistischen Gruppe mit rund 3000 Mitgliedern. Ihr Chefprediger Friedrich Heitmüller, ein stadtbekannter Demagoge, trat 1933 der NSDAP bei und schrieb das Buch „Sieben Reden eines Christen und Nationalsozialisten“.

• Das Eimsbütteler klerikale Krankenhaus Alten Eichen war bis zum Ende der Nazi-Zeit ein „Krüppelheim“. Seine Rolle bei der Sterilisation von Behinderten wurde nie aufgeklärt. Über den Verbleib des nie genutzten Archivs seit dem Umzug in die Agaplesion-Klinik ist nichts bekannt. Geleitet wurde Alten Eichen von dem Nazi-Pastor Adolf Stahl. Er war lange Herausgeber der Zeitschrift “Innere Mission” und seit 1932 NSDAP-Mitglied.

• Das Eimsbütteler klerikale Krankenhaus Agaplesion gehört den evangelikalen Methodisten. Die „Freikirchen“ waren besonders fanatische Anhänger der Nazis, weil sie von diesen gegenüber den Landeskirchen aufgewertet wurden. Die Methodisten nannten z.B. den Judenboykott in Stellungnahmen für das Ausland „angebliche Judenverfolgungen und Greueltaten“ und denunzierten Berichte darüber als „Versuch, die entsetzliche Gräuelpropaganda des Weltkriegs neu aufleben zu lassen“.

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Nichts ist verlogener als der Satz auf der Homepage zum Eimsbütteler Gedenkmonat: „Gedenken und Erinnern beginnt in unserer Nachbarschaft“. Niemand hat hier vor, die Nazi-Geschichte von Eimsbütteler Firmen, Haus- und Grundeigentümern, Kirchen, Vereinen und Behörden zum Thema zu machen oder gar die NS-Biographie des eigenen Erb-Onkels.

Und nichts ist vor diesem Hintergrund bezeichnender als der Titel des Beitrag der Kirchengemeinde Eimsbüttels zu diesem Gedenkmonat: „Heimliche Helferinnen und Helfer“. Es soll um nicht näher benannte „Menschen aus unserem Stadtteil“ gehen, die zwischen 1993 und 1945 Verfolgten geholfen haben. Ihr Handeln sei „meist nur überliefert in Berichten der Verfolgten“. Die wenigen Menschen, die so etwas taten, darunter mehr Kommunisten als Christen, werden im Nachhinein von einer Stadteilkirche vereinnahmt, die ihre Nazi-Pastoren versteckt. Genau so funktioniert das Eimsbütteler Gedenken.

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Das gilt auch für den ETV.

Jahrzehntelang wollte die Eimsbütteler „Zivilgesellschaft“ von der Nazi-Geschichte des ETV nichts wissen, weil sie selbst ein Teil davon war. Nachdem der ETV 2006 durch Enthüllungen der Initiative gegen die Bebauung des Sparbierplatzes gezwungen war, seine große Halle nicht mehr nach dem Nazi Robert Finn zu benennen, tat man alles, um die Deutungshoheit über die eigene Nazi-Geschichte zurück zu gewinnen. Den Gefallen tat dem ETV für ein gutes Honorar eine freie Historikergruppe um Hannes Heer, die es fertig brachte, im ETV keinen einzigen Täter zu finden, obwohl bzw. gerade weil es zu diesem Zeitpunkt noch viele ETV-Mitglieder aus der Tätergeneration gab.

Dieses Ergebnis gilt in Eimsbüttel als vorbildliche „Vergangenheitsbewältigung“ (sogar die Hakenkreuze hängen noch am ETV-Gebäude), weshalb der Vereinsvorsitzende jetzt auf Kirchentagen über Vergangenheitsbewältigung predigt und bei der Marathonlesung aus verbrannten Büchern liest. Gleichzeitig wird der ETV nicht müde sein früheres Mitglied Walter Jens zu feiern, ohne nur ein einziges Mal auf dessen NSDAP-Mitgliedschaft hinzuweisen.

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Exkurs

Die Nie wieder Bücherverbrennung-Heuchelei

In der Aktion „Bücherverbrennung Nie Wieder! – 15. Marathonlesung aus verbrannten Büchern“ ist der Eimsbütteler Gedenkmonat wohl am besten auf den Begriff gebracht:

• Absolut unriskant für die Teilnehmer. • Das bloße Dabei-Sein garantiert die Mitgliedsachaft bei den Guten. • Man muss niemand beschuldigen, der einem dafür böse sein könnte. • Die Gefahr, Eimsbütteler Täter beim Namen nennen zu müssen, gibt es nicht. • Einen Zusammenhang mit der Nazi-Geschichte 100 Meter weiter (ETV, Elim, Kaifu-Bad, Kaifu-Gymnasium) muss nicht hergestellt werden. • Man muss auch keinen Bezug zu aktuellen Ereignissen herstellen.

Bücherverbrennung Nie Wieder!“? Das „Nie wieder“ ist hier eine Floskel jenseits von Zeit und Raum. Eigentlich ist man insgeheim sicher, dass so etwas nie wieder passiert. Jedenfalls nicht im netten Eimsbüttel. Darauf, dass es tatsächlich auch heute Bücherbrennung gibt, ist man bisher nicht gekommen.

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Die jüngste versuchte Bücherverbrennung war der islamistische Anschlag auf eine Mohammed-Karikaturen-Ausstellung in Texas Anfang Mai 2015. Die letzte vollendete Bücherverbrennung war der islamistisch motivierte Terroranschlag auf Charlie Hebdo im Januar 2015. Die Autoren wurden gleich mit verbrannt. Seit der Morddrohung des islamischen Gottesstaates gegen die „Satanic Verses“ von Salman Rushdie gab es viele versuchte und viele vollendete Bücherverbrenungen, und oft in Verbindung mit Morden an den Autoren. Doch davon will man in Eimsbüttel nichts wissen. Da würden auch die vielen Pastoren und Bischöfe nicht mitmachen, weil Bücherverbrennung in Gottes Namen nicht benannt werden darf – wegen der Ökumene und weil man ja islamischen Religionsunterricht will, damit es keinen Einwand gegen den eigenen gibt. Das Thema Büchverbrennung muss schon deshalb in Eimsbüttel unbedingt auf 1933 beschränkt bleiben.

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Gottesdienst

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Das Beispiel zeigt, dass für den Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“ nicht nur das GESAGTE, sondern – noch mehr – das UNGESAGTE, das Wegschauen, das Verschwiegene und Verleugnete charakteristisch ist. Das Verschweigen (von Tätern, Tatorten in Eimsbüttel, Bücherverbrennungen „im Namen Gottes“ etc.) ist geradezu eine Voraussetzung für das Zustandekommen dieses halbstaatlichen Gedenkmonats.

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Die Behauptung: „Zuerst brannten die Bücher“ entspricht NICHT den historischen Tatsachen. Warum wird sie trotzdem aufgestellt?

Maonat des Gedenkens

„Zuerst“ brannten nicht die Bücher, sondern am 28. Februar 1933 der Reichstag, gefolgt von einer brutalen Verhaftungswelle. Schon am 21. März wurde das Konzentrationslager Dachau errichtet und zehn Tage später das KZ Wittmoor bei Hamburg. Am 1. April begannen dann in ganz Deutschland die als „Judenboykott“ bezeichneten Repressalien gegen jüdische Geschäfte, Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien. In Hamburg waren 20.000 Personen betroffen. Neben den Innenstadt-Kaufhäusern vor allem die Eimsbütteler Juden. Und die Eimsbütteler machten mit. Boykotte und antijüdische Gewalttaten gehörten schon seit Mitte der 1920er Jahre zum jüdischen Alltag. Im Februar 1933 griffen SA-Trupps verstärkt jüdische Geschäftsinhaber an und ermordeten einige von ihnen; nach den Reichstagswahlen am 5. März, nahmen diese Angriffe erneut zu. Schließlich wurde am 7. April das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, um jüdische Beamte aus dem Dienst zu entfernen. Am 2. Mai wurden die Gewerkschaften verboten und erst am 10. Mai fand in Berlin die erste Bücherverbrennung statt.

Es brannten also nicht „zuerst die Bücher“. Judenboykott, Enteignung, Mord – das ist die Reihenfolge. Es ist offensichtlich, warum man in Eimsbüttel trotzdem die Bücherverbrennung nicht nur in den Mittelpunkt stellt, sondern mit diesem Datum den nationalsozialistischen Terror beginnen lässt: Man redet von den Büchern, um nicht über den eliminatorischen Antisemitismus reden zu müssen, der die Essenz der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft bildete.

Statt vom Antisemitismus ist in Eimsbüttel nur von „Vorurteilen“ gegenüber „Menschen mit einer anderen Religion oder Nationalität“ (Gedenktafel der Behörde am Unnapark) die Rede. Vom mörderischen Antisemitismus der Deutschen – also auch dem der Eimsbütteler – handelt keine einzige Veranstaltung dieses Gedenkmonats! Man putzt Stolpersteine und will über den zentralen Antrieb der Verfolger nicht reden. Die ganze teuflische Maschinerie des Nationalsozialismus folgte ja keinem Vorurteil (über „jüdische Religion“ oder jüdische „Nationalität“), sondern der wahnhaften Projektion, wonach die imaginierten Juden das „Unglück“ der Deutschen seien. Die Ermordung der mit einem gelben Stern als Juden markierten Menschen, erfolgte laut diesem Wahn zur Rettung der Deutschen. Über diese Wahrheit, mit der die Frage nach dem Ausmaß der Mittäterschaft verbunden ist, soll in Eimsbüttel niemand „stolpern“.

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Anmerkungen:

• Die historisch und politisch falsche Darstellung „Zuerst brannten die Bücher“ ist so fast nur in Eimsbüttel üblich. Sie tauchte erstmals 1983 in einem Artikel des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ auf (Jürgen Novak: Zuerst brannten die Bücher … Der Tag der faschistischen Autodafés wurde bei uns zum „Tag des freien Buches“, ND vom 10. Mai 1983), wurde dort aber nicht wiederholt. Vielleicht hat sich jemand in Eimsbüttel damals den Artikel ausgeschnitten?

• Aktionen zur Bücherverbrennung in anderen Städten zitieren aus Heinrich Heines Tragödie Almansor (1821) den Satz: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
 verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ In Heines Stück geht es um Koranverbrennungen im Zusammenhang mit der Reconquista in Spanien im Jahr 1499.

• Die Bücherverbrennungen von 1933 waren allerdings kein „Vorspiel“; sie wurden vielmehr während des „Judenboykotts“ („Deutsche! Kauft nicht beim Juden!“) im April 1933 vorbereitet und als Antwort auf die „Greuelhetze des Judentums im Ausland“ nach diesem Boykott dargestellt. Der dazu veröffentlichte Aufruf „Wider den undeutschen Geist“ ist in erster Linie ein antisemitisches Pamphlet.

• Über diese Hintergründe wird beim Eimsbütteler Gedenkmonat kein Wort verloren. Ihre Erwähnung würde die den Antisemitismus ausblendende Behauptung „Zuerst brannten die Bücher“ widerlegen.

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Der Bücherverbrenner aus der FDP

Warum die Eimsbütteler
„Marathonlesung aus verbrannten Büchern“
nie vor dem Büro der Friedrich-Naumann-Stiftung stattfindet.

Bezeichnend für den Eimsbütteler Gedenkmonat ist auch im Fall der Bücherverbrennung das absolute Desinteresse an den Tätern. Man fragt nicht einmal, warum die Nazis ausgerechnet das Parkufer am Isebek als Tatort ausgesucht haben. Dieser Teil von Eimsbüttel war eine besonders braune Gegend. Schon lange vor 1933 gab es hier mit der Christuskirche, dem Krankenhaus Elim und dem Eimsbütteler Turnverband gleich drei große deutschnational-antisemitische Institutionen. Hundert Meter entfernt vom Platz der Bücherverbrennung gab es die großen Hallen und Vereinskneipen des völkischen Eimsbütteler Turnverband (ETV). Vor den ETV-Gebäuden und auf den umliegenden Plätzen fanden die großen Aufmärsche von Bismarckjugend, Stahlhelm und SA statt.

Eine Täterforschung über den kleinen Kreis der NSDAP-Funktionäre hinaus, gab es in Eimsbüttel nie. Das Verbrechen wird mit den Opfern identifiziert, nicht mit den Tätern. Hier gilt bis heute, was Walter Boehlich im Mai 1983 anlässlich des 50. Jahrestages der Bücherverbrennung schrieb:

Vor dreißig Jahren – 1953 – hat sich außer ein paar Betroffenen niemand Gedanken über den 10. Mai 1933 gemacht. Das Leidige an der Angelegenheit war, dass die Täter zu dieser Zeit schon wieder sehr viel besser integriert waren als die Opfer und dass es ein heimliches Einverständnisses darüber gab, an diese alten Geschichten nicht zu rühren. Jetzt, fünfzig Jahre danach, purzeln die Titel (über die Bücherverbrennung) nur so, bei Suhrkamp und S. Fischer, bei Severin & Siedler, bei Hanser, bei Kiepenheuer und wo sonst nicht noch. Es tut keinem mehr weh. Aber trotz der vielen Titel zeigt sich, dass wir wenig Faktisches wissen – man wird endlich systematisch ermitteln müssen wie in einem gutgeführten Strafprozess …“

Auch Jürgen Serke, Autor des 1977 erschienenen Buches „Die verbrannten Dichter“, resümierte, als dieses 2002 wieder aufgelegt wurde: „Die Biografien der Täter waren im Nachkriegsdeutschland nicht selten publikumswirksamer als die Werke der Opfer.

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Einige der Eimsbütteler Bücherverbrenner sind immerhin bekannt. Zum Beispiel Wolf Meyer-Christian. Seine antisemitischen Schriften (u.a. „Die englisch-jüdische Allianz“, 1943. „Die Behandlung der Judenfrage in der deutschen Presse“, Juni 1944) sind bis heute Verkaufsschlager bei Ebay, Amazon und ZVAB. Wolff Heinrichsdorff, der Hauptorganisator der Eimsbütteler Bücherverbrennung wurde am 2. Mai 1945 von der Roten Armee erwischt, was er nicht überlebt hat.

Bis nach Eimsbüttel kam die Rote Armee nicht.
Das hatte zur Folge, dass mit Reinhold Schulze ein weiterer für die Bücherverbrennung verantwortlich Antisemit davon kam. Er lebte bis 1993, arbeitete als Ingenieur in Hamburg, wurde Mitglied der FDP und dann zweiter Chef der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Auch darüber hört man von den Marathon-Vorlesern kein Wort. Deshalb kann Müller-Sönksen vom FDP-Bezirksverband Eimsbüttel getrost in der Eimsbütteler Bezirksversammlung für den Gedenkmonat stimmen. Die Partei, die bis 1993 Schulzes politische Heimat war, kann sicher sein, dass ihr daraus niemand einen Vorwurf macht.

Das in den leeren Raum gerufene „Bücherverbrennung nie wieder“ hätte wenigstens einmal auch einen Adressaten, wenn es vor der Friedrich-Naumann-Stiftung in der Eimsbütteler Bundesstraße 44 skandiert würde. Das wäre dann allerdings das Ende des halbstaatlichen Gedenkmonats.

Reinhold Schulze ist übrigens bis heute in der FDP keine Unperson. Sein Förderer Werner Stephan, zeitweise enger Mitarbeiter von Goebbels und danach ebenfalls hoher Funktionär der Nauman-Stiftung, wurde noch 2006 im „Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung“ als „Liberaler in schwierigen Zeiten“ gewürdigt. Friedrich Naumann bekanntestes Werk heißt nicht zufällig „Nationalsozialer Katechismus“.

Noch viele andere Bücherverbrenner machten ähnliche Karrieren. Zum Beispiel wurde Heinz Wolff (1910 – 1987), der die Bücherverbrennung in Göttingen leitete, Stellvertretender Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung und Sprecher des Deutschen Presserates. Anlässlich der Bücherverbrennungs-Gedenkfeier 1983 sprach in Eimsbüttel übrigens neben Klaus von Dohnanyi auch Walter Jens, dessen NSDAP-Mitgliedschaft damals noch nicht bekannt war.

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Exkurs

Stolpersteine

Bemerkenswert ist auch die „Anwohner-Initiative: Der Grindel gedenkt der Opfer der Pogromnacht“.

Sie will in diesem Jahr mit christlichen „Kerzen in den Händen bei den Stolpersteinen ihrer ehemaligen Nachbarn gedenken“. Über das Jahr davor gibt es einen Stolpersteine-Film, in dem diese „Anwohnerinitiative“ hingebungsvoll damit beschäftigt ist, die Stolpersteine vor einem Mietshaus blank zu putzen und versucht, weitere „Putzpatinnen“ anzuwerben. Dieses Gedenken an tote Juden dient nur noch als psychohygienisches Wohlfühlritual für die Nachkommen der Täter. Lebendige Juden, z.B. Israelis findet man in diesen Milieus weniger gut. In NRW gehört zu den Stolperstein-Patinen die linke Antisemitin Inge Höger, die 2010 mit Grauen Wölfen und Islamisten auf der “Mavi Marmara” gen Israel fuhr.

Diese Art des Gedenkens funktioniert als eine Art Deckerzählung in Bezug auf die Täter. Man redet über die Opfer, um über Täter schweigen zu können. Davon abgesehen, dass viele Stolpersteine gegen den Willen der Angehörigen (die Tafeln an Hauswänden für würdiger halten als diese „Bodenlösung“) und fast immer ohne ausdrückliche Erlaubnis der Hinterbliebenen verlegt werden, kommt in Eimsbüttel niemand auch nur auf den Gedanken

Stolpersteine für Täter

vor den Häusern zu verlegen. Das würde auch keine Bezirksversammlung, keine Kirche und kein ETV mittragen. Wieso eigentlich will niemand einen Stolperstein vor dem Haus des Massenmörders Robert Mulka in der Eimsbütteler Isestraße verlegen? Auch Kurt Asche, „Eichmanns Mann in Brüssel“, verbrachte seinen Lebensabend – ausgestattet mit einer guten Rente – in einer schönen Altbauwohnung in Eimsbüttel. Kein Hinweisschild oder Stolperstein erinnert die vorübergehenden Eimsbütteler daran.

Auch nicht an die vielen Deutschen, die nicht als Massenmörder, sondern in anderen Funktionen an der Verfolgung beteiligt waren. Ungenannt bleiben in Eimsbüttel auch die Arisierungsgewinner. Dazu passt auch das Desinteresse des Eimsbütteler Gedenkmonats an den Eimsbütteler Curiohaus-Prozessen von 1949, in denen britische Militärgerichte deutsche Täter zum Tode verurteilten.

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In Stuttgart entstand aus dem Stolpersteine-Milieu heraus eine Gruppe, die tatsächlich auf die Idee kam, Stolpersteine auch für Täter zu verlegen. Auf die Täter stießen sie bei den Recherchen zu den Biographien der Opfer, für die ein Stolperstein verlegt werden sollte. Man kann also davon ausgehen, dass in den Stolperstein-Gruppen anderswo die bei Recherchen anfallenden Täter-Informationen systematisch ignoriert werden, also im Papierkorb landen. Die Stuttgarter Gruppe stieß sogar auf ein arisiertes Haus, vor dem Stolpersteine lagen und wo der Hausbesitzer die Opfer wahrscheinlich noch persönlich kannte! Als die Gruppe, die zuvor ein Buch über die Opfer veröffentlicht hatte, wofür sie viel Beifall bekam, ihre Täter-Recherchen ebenfalls veröffentlichen wollte, war unter dem Aktiven plötzlich niemand bereit, die Herausgeberschaft zu übernehmen: Man rechnete mit beruflichen und anderen Nachteilen. Zudem wurde die Gruppe von einem Täterenkel direkt verklagt.

Sowie man sich in Deutschland nicht mit Opfern, sondern mit Tätern beschäftigt, beginnt die Situation sofort zu eskalieren. Das wäre auch in Eimsbüttel so. Die Eimsbütteler wissen, was sie von dem halbstaatlichen Gedenkmonat haben – ihre Ruhe!

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Eimsbütteler Monat des Gedenkens
Stolpersteine – Fallbeispiel 1

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Die Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus

Gottesdienstwerkstatt
Vergrößern mit Rechtsklick

Linkes Foto: St. Stephanus 1933. Die Evangelische Jungschar Eimsbüttel, eine Untergruppe des Eimsbütteler Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) orientierte sich an den führenden CVJM-Nazis Arnold Dannenmann (1907-1993) und Erich Stange (1888-1972). Dannenmann war Herausgeber des Buches „Jugend bekennt sich zu Christus und Nationalsozialismus“ (1933), an dem auch Stange mitgewirkt hatte. Dannenmann wurde in der BRD Vorsitzender des Bundesjugendrings und bekam das Bundesverdienstkreuz. Stange gründete in der BRD die evangelische Telefonseelsorge.

Rechtes Foto: St. Stephanus 2014. „Rundgang zu Stolpersteinen für vertriebene Bürger“ der „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus“ im Rahmen des ersten Eimsbütteler „Monats des Gedenkens“. Zu den Teilnehmern spricht Astrid Barth, Mitglied im Gemeinderat der Eimsbütteler Evangelischen Kirche.

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Eimsbuettel
Vergrößern mit Rechtsklick – – Als am 8. März 1933 in Hamburg mit den Stimmen der Deutschnationalen ein neuer Senat unter NSDAP-Führung gewählt wurde, feierte der CVJM diesen „Sieg“ mit einen martialischen „Appell der Jungschar mit Fackeln und Sturmfahnen“.

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Nationalsozialismus als Gottesdienst:
Die Nazis von St. Stephanus

Pastor der Eimsbütteler Stephanuskirche war von 1933 bis 1946 Johannes Klinkott (1899-1968), damals wohnhaft in der Eimsbütteler-Straße 22, Telefon 040-412842. Klinkott war „Deutscher Christ“ und Mitglied der NSDAP. Zugleich war er „Marine-Dekan“ in Wilhelmshaven. Die Kriegsmarinewerft Wilhelmshaven war damals die größte Marinewerft und Standort der 2. Marineflakbrigade der Marine-Artillerie-Abteilung. Als Zwangsarbeiter wurden dort 2000 Häftlinge aus dem KZ Wilhelmshaven und dem Gestapo-Straflager Schwarzer Weg eingesetzt. Als Militärpastor hat Klinkott von 1942 bis 1944 „Kriegstagebücher“ verfasst, die man in Eimsbüttel „entsorgt“ hat, die aber im Bundesarchiv noch vorhanden sind. Sie lassen an seiner antisemitischen Gesinnung keinen Zweifel aufkommen. Klinkott ist sich auch nach 1945 treu geblieben und wurde dabei von der Hamburger Evangelischen Kirche unterstützt. Ab 1950 gehörte er zu einer Seilschaft von „alten Kameraden“, die in der Evangelischen Akademie der Hamburgischen Landeskirche als Studienkreisleiter tätig war. Der einflussreichste Kreis dieser Gruppe nannte sich „Studienkreis Strafvollzug“. An dem waren neben Klinkott alte Nazis beteiligt, die einige Jahre zuvor noch die Swing-Jugend verfolgt hatten. Zu Klinkotts „alten Kameraden“ bei der Hamburger Akademie gehörten:

• Der Pastor und NSDAP-Mann Bernhard Bornikoel (1902-1981), nach 1945 Herausgeber von Schriften über „eugenische und sozialhygienische Fragen“ (Mit Harmsen, herausgegeben in der Schriftenreihe der Ev. Akademie; gibt es jederzeit bei ZVAB).

• Der Pastor und NSDAP-Mann Hans Stökl (1903-1957), Prediger in der St-Andreas-Kirche in Harvestehude (Nachruf im Abendblatt). (In der Festschrift „100 Jahre St-Andreas-Kirche“ von 2007 – mit einem Grußwort der Bischöfin Jepsen – wird die NSDAP-Mitgliedschaft mit keinem Wort erwähnt)

Rudolf Hubert Sieverts (1903-1980), fanatischer Strafverfolger der Swing-Jugend, Mitglied der Kolonialärztlichen Akademie der NSDAP, 1961 Rektor der Uni-Hamburg. 1964 Gründungsmitglied von Amnesty International Hamburg! („Menschenrechtsverletzungen der Russen“). Hauptförderer von Klinkott.

Ernst Schrewe (1900–1957) NS-Schulsenator in Hamburg. Vorher bei den völkischen Vereinen DNVP, Stahlhelm und Bismarckjugend. Bekam nach 1945 von Kirchenfunktionären jede Menge Persilscheine.

Hans Harmsen (1899-1989), „Eugeniker“ in den Anstalten der Inneren Mission (Diakonie) und Autor von: „Die Bevölkerungspolitik des italienischen Faschismus“. Nach 1945 Professor an der Uni-Hamburg. Mitgründer und Präsident von Pro Familia (gegründet 1952 als „Deutsche Gesellschaft für Ehe und Familie“ war Pro Familia ein Sammelbecken für NS-Rassen- und Bevölkerungsbiologen).

Paul Raethjen (1896-1962), NSDAP-Mann und Uni-Professor für (kriegswissenschaftliche) Meteorologie in Hamburg. 1961 gratulierte das Hamburger Abendblatt dem „Wetterforscher“ zum 65. Geburtstag.

Karl Zeiger (1895-1959), NSDAP-Mann und Medizin-Professor (Nachruf im Abendblatt).

Gustav Adolf Rein (1885-1979), NSDAP-Mann und 1934-1938 Rektor der Uni-Hamburg. Autor von „Die Wahrheit über Hitler aus englischen Munde“ (1940). Seit 1933 Stiftungsrat der Toepfer Stiftung. Nach 1945 Hauptinitiator des braunen „Studienkreises“ der Evangelischen Akademie Hamburg.

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Opfergedenken als Täterschutz

Klinkott, der braune Gottesdiener von St. Stephanus und seine „Kameraden“ haben aktiv an der Ausgrenzung und Verfolgung der Hamburger Juden, der Swing-Jugend und vieler anderer mitgewirkt. Was also legitimiert eine „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus“ zu Stolperstein-Veranstaltungen im Rahmen des Eimsbütteler „Monat des Gedenkens“? Absolut NICHTS verbindet diese klerikalen Aktivisten mit den Opfern, deren Namen – meist ohne die Angehörigen um Erlaubnis zu fragen – auf dem Straßenpflaster stehen. Sehr VIEL verbindet sie hingegen mit Tätern wie Johannes Klinkott: Mit dem Namen „St. Stephanus“ haben sie – materiell wie ideell – Klinkotts ERBE angenommen. Nach den mit einem Erbe verbundenen Regeln des symbolischen Tausches stehen sie zu Klinkott in einem Verpflichtungsverhältnis, dem sie dann auch dadurch gerecht werden, dass sie seine Taten vertuschen. Zugleich versuchen sie wie Erbschleicher, sich die Biographien der Opfer risikofrei anzueignen. Diese Kombination ist besonders widerwärtig: Man nimmt das Erbe der Täter an und verdeckt das zugleich durch einen in jeder Hinsicht verwerflichen Zugriff auf die Opfer. Dadurch lassen Meldungen wie: “ Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus macht einen Rundgang zu Stolpersteinen für vertriebene Bürger“ St. Stephanus als Hort des Guten erscheinen. Und zwar so, dass niemand auch nur auf den Verdacht käme, dass St. Stephanus jemals ein Täterort gewesen sein könnte.

Die wirkliche Geschichte dieser Kirchengemeinde wird VERSCHWIEGEN. Von 1945 bis heute hat man alles getan, damit der Werdegang von Klinkott und der CVJM-Funktionäre nicht bekannt wird. Die entsprechenden Dokumente – Schriften und Fotos – sind verschwunden oder irgendwo vergraben. Das gilt auch für die deutschvölkische Geschichte vor 1933, als – ab 1920 – der Aktivist des Antisemiten-Bundes Alldeutscher Verband, Adolph Pauly (1881–1952) Pastor an der Stephanuskirche war. Auch über die Evangelische Akademie der Hamburgischen Landeskirche gibt es kaum öffentlich zugängliches Material. Bei Wikipedia kommt sie überhaupt nicht vor: Man hat sie mit dem Eintrag „Evangelische Akademie der Nordkirche“ einfach verschwinden lassen. Reste der gesäuberten und 1991 nach Kiel verlagerten Archiv- und Bibliotheksbestände (darunter Bernhard Bornikoel: Geburtenregelung und Eugenik – Stellungnahmen zu sexual-ethischen Gegenwartsfragen“, Agentur des Rauhen Hauses 1959) tauchen gelegentlich bei Ebay und ZVAB auf.

Mit anderen Worten: Die „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanusdrängt sich symbolisch in die Nähe der Opfer, um von den Tätern aus dem eigenen Haus abzulenken. Und das ist nur eine weitere Variante des Täterschutzes: Täterschutz wurde nach 1945 zum Markenzeichen der Kirchen. Man verhalf Nazi-Verbrechern zur Flucht, kümmert sich um Rechtsbeistand für Kriegsverbrecher, machte Front gegen die Entnazifizierung („Die Entfernung vieler Menschen aus Ämtern zerstört das Rechtsempfinden“), stellte SA-Männer als Opfer dar, bezeichnete Eichmann noch in den 1960er Jahren als „Mann mit gütigem Herz“, macht BIS HEUTE aus Antisemiten der „Bekennenden Kirche“ (die die Nürnberg er Gesetze begrüßte und die „Kristallnacht“ verteidigte) Widerstandskämpfer und sprach sich schon 1945 selbst frei mit der Formel: „vergeben und helfen ist das Gebot der Stunde“.

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Gottesdienstwerkstatt und staatstragendes Bürgermilieu

Astrid Barth, die die „Gottesdienstwerkstatt St. Stephanus“ betreibt, ist Mitglied des Vorstandes der Eimsbütteler evangelischen Gemeinde und schreibt dort fromme Artikel im Gemeindeblatt. „Gottesdienstwerkstätten“ sind klerikale PR-Gruppen, die nach „kreativen Ideen“ suchen, mit denen man Leute in die leeren Kirchen locken kann. Unter dem Motto „Gott ganz nah“ sollen sie „in lockerer Form“ die „alten Themen des Glaubens in unsere Zeit übertragen“. Vom HipHop-Konzert bis zur Kranzniederlegung am „Volkstrauertag“ („Gottesdienstwerkstatt der Generationen“) hat man schon alles ausprobiert.

Die Zahl der Gottesdienstbesucher ist trotzdem rückläufig. Stabil ist hingegen die Vernetzung mit der Bezirkspolitik sowie die Kooperation mit Schulen und Lokalmedien: Die Kirche ist in Eimsbüttel fester Bestandteil des staatstragenden Bürgermilieus, weshalb sie auch beim Eimsbütteler Gedenkmonat nicht fehlen darf. Die „Rundgänge zu Stolpersteinen“ beginnen mit einem Gottesdienst und enden mit einem Mittagessen in der Kirche. Die Erinnerung an die jüdischen Opfer wird gnadenlos christianisiert – bis hin zu den Kerzen, die man auf Stolpersteine stellt. Dabei wurde der Holocaust von Leuten geplant, durchgeführt und geduldet, die zu 99 Prozent Christen waren (auch Eichmann und die Mehrheit der SS-Mitglieder verstanden sich als Christen).

Bei der „Gottesdienstwerkstatt“ handelt es sich also nicht um christlich orientierte einzelne Bürger, denen plötzlich die christliche Schuld bewusst wurde, sondern um eine staatschristliche organisierte Aktion, die zum Ziel hat, den eigenen Verein in einem falschen Licht erscheinen zu lassen. Dabei kennt man keine Skrupel: Man betet (!) für die „kranken und behinderten Menschen, die durch den Nationalsozialismus getötet wurden“ und erinnerte mit KEINEM Wort an den eigenen Anteil daran. Man beklagt sogar scheinheilig, die Opfer der „Euthanasie“ stünden „oft nicht im Zentrum der Erinnerungskultur.“ Solche verlogenen Sätze sind typisch für Eimsbütteler Klerikale, die es bisher geschickt verstanden haben, ihr eigenes Trommeln für „eugenische und sozialhygienische“ Säuberungen und die eigene Beteiligung an der „Euthanasie“ und der Ausgrenzung der Juden zu verschweigen oder nach der Methode der „Bethel-Legende“ zu verfälschen.

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Apostelkirche, Christuskirche, Stephanuskirche –
die Teilnahme am Gedenkmonat schützt vor Nachfragen

Eimsbüttel ist selbst im Rahmen der Hamburger Kirche ein besonders krasser Fall. In Stadtteilen wie Altona gibt es seit 10 Jahren eine von institutionell an den Kirchen-Apparat gebundenen Historikern und Archivaren durchgeführte „Vergangenheitsbewältigung“, die eine bisher verschwiegene Täterschaft mehr oder weniger eingesteht und sie zugleich nach dem Muster: „Viele waren leider nicht glaubensstark genug, um dem Nationalsozialismus zu widerstehen, aber es gab auch einzelne Ausnahmen“ christlich relativiert. Geredet wird danach NUR NOCH über die zwei oder drei Ausnahmen, die damals von den eigenen Leuten ans Messer geliefert wurden.

In Eimsbüttel gibt es selbst diese Variante nicht. Das hat damit zu tun, dass die Eimsbütteler Pastoren und Gemeinden schon vor 1933 zu den besonders fanatischen Antisemiten gehörten, nicht zuletzt weil es hier eine besondere große jüdische Wohnbevölkerung gab.

Auch an der Eimsbütteler Apostelkirche predigte mit Friedrich-Wilhelm von Boltenstern (1898-1956) ein Mann, der in Julius Hahns antisemitischem Blatt „Das evangelische Hamburg“ schrieb, zeitweise Mitglied der „Deutschen Christen“ war und einen Zweitjob als Gefängnispastor im Folterzentrum Fuhlsbüttel hatte. Die Strafanstalt Fuhlsbüttel war am 4. September 1933 der SS-Bewachung unterstellt und zum KZ erklärt worden.

Im „Kola-Fu“, wo Häftlinge von Anfang an brutal mißhandelt, in den Tod getrieben und ermordet wurden, war 1934 auch Pastor Johannes Schoene (1885-1966) tätig – nebenamtlich. In einem seiner Berichte heißt es: „Es besteht zwischen den Wachmannschaften und den Häftlingen ein gutes Verhältnis in der Art, dass unnötige Härten einwandfrei vermieden werden“. Er machte den Vorschlag, dort einen „hauptamtlichen Pastor anzustellen, der der NSDAP angeschlossen ist.“ Hauptamtlich war Johannes Schoene von 1934 bis 1958 Pastor der Eimsbütteler Christuskirche. Schoene war ein Anhänger des fanatischen Antisemiten Adolf Stoecker. In einem Bericht von 1934 heißt es: „Pastor Schoene sprach in der Kirchlichen Gemeinschaft, die leider schlecht besucht war, über Adolf Stoecker recht gut.“ Nach 1945 konnte er sich nur noch an eine Katastrophe erinnern: Er klagte die Anti-Hitler-Koalition mit „Augenzeugenberichten“ über die Bombardierung Eimsbüttels im Sommer 1943 als Kriegsverbrecher an.

Vorgänger von Schoene war Georg Siebel (1862–1945), der von 1897 bis 1934 Pastor der Christuskirche war. Unter seinem Namen erschien noch 1936 die (nach 1945 „entsorgte“) Schrift: „50 Jahre Christuskirche Hamburg-Eimsbüttel: 1886- 1936“, in der der Nationalsozialismus gefeiert wird. Ein moderner Nazi wurde der Altrechte Siebel aber nicht mehr, weil er auch nach 1933 vor allem seinen elitär-rechtsradikalen Vorstellungen aus der Kaiserzeit verpflichtet blieb. Er war Mitglied der Ordenssekte Michaelsbruderschaft, die sich an Leuten wie Ernst Jünger orientierte: Die Kirche müsse geführt werden „durch ein in mönchischer oder soldatischer Armut lebendes Personal“ nach dem Vorbild „der deutschen Ritterorden, der preußischen Armee und der Societas Jesu“ (Siebel 1936).

Zeitweise waren an der Christuskirche mehrere Pastoren tätig. Darunter auch Rudgar Mumssen, der vor 1933 Mitglied der klerikal-faschistischen Partei Christlich-Sozialer Volksdienst (CSVD) war, über die er zuletzt in der Ausgabe 26/1932 der Rechtspostille „Das evangelische Hamburg“ den Artikel „Kirche und Volksdienst“ schrieb.

Die Christuskirche war vor 1933 das Zentrum der altrechten deutschvölkischen Antisemiten (DNVP), aber ab 1933 stand die St. Stephanuskirche, deren Namen die „Gottesdienstwerkstatt“ trägt, als sei nie etwas gewesen, im braunen Mittelpunkt. In der St. Stephanus-Kirche stellten die „Deutschen Christen“, von denen etwa 30 Prozent Mitglieder der NSDAP waren, zeitweise die Mehrheit. Aber auch die konkurrierenden Anhänger der „Bekennenden Kirche“ standen hinsichtlich der Hitler-Begeisterung und der Befürwortung der Judendiskriminierung und –verfolgung den „Deutschen Christen“ in nichts nach. Sie wollten beim Mitmachen nur nicht auf ihren eigenen Verein verzichten.

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In braunen Eimsbüttel hat man die Spuren der eigenen Beteiligung nahezu komplett verschwinden lassen: Den überproportionalen NSDAP-Stimmanteil bei der Reichstagswahl 1932 (45,4 % im Wahlbezirk 142), den Jubel über Hitler als „Werkzeug göttlicher Vorsehung“, die finanzielle Unterstützung der Nazis durch die Innere Mission/Diakonie, die kirchliche Unterstützung des „Judenboykotts“, die bereitwillige Aushändigung der Kirchenbücher zum Nachweis der jüdischen Herkunft (noch bevor sie angefordert wurden), die aktive Suche nach „nichtarischen Pfarrern“, die Rechtfertigungen der Zwangssterilisation Behinderter in der Gemeindezeitung.

Auch die ebenfalls zum staatstragenden Milieu gehörende Eimsbütteler Geschichtswerkstatt (die schon zur völkischen ETV-Vergangenheit lieber geschwiegen hat), verschont ihre klerikalen Gedenkmonat-Partner seit jeher mit historischen Untersuchungen über die Eimsbütteler Nazi-Pastoren und ihre Jungschar. Das Bild von Eimsbüttel als Stadtteil ohne Nazis würde schnell beschädigt, wenn man sich die Kirchen näher anschauen würde, die heute Kerzen auf Stolpersteinen leuchten lassen.

Nicht zufällig war Adolf Eichmann in den 1920er Jahren in Solingen Mitglied des CVJM. Auch der Kriegsverbrecher Erich Koch, von 1928 bis 1945 Gauleiter der NSDAP in Ostpreußen, kam vom CVJM-Wuppertal zur NSDAP. Theodor Schober, 1955 Direktor der Firma „Diakoniewerk Neuendettelsau“ und von 1963 bis 1984 Präsident des klerikalen Unternehmerdachverbandes Diakonisches Werk, verteidigte Koch noch 1984 in seiner Funktion als „Beauftragter der EKD für die Seelsorge deutscher Kriegsverurteilter in ausländischem Gewahrsam“ mit den Worten: „Aus einem frommen Wuppertaler Elternhaus stammend und durch die CVJM-Mitgliedschaft geprägt, wollte er nicht nur ein stramm nationalsozialistisch ausgerichtetes Ostpreußen, sondern eine starke, einheitliche evangelische Kirche.“ (Ernst Klee: „Persilscheine und falsche Pässe. Wie die Kirchen den Nazis halfen“, Fischer 1991).

Eimsbuettel
Evangelische Jungschar des CVJM

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Anmerkung zur Christuskirche:

Wie die Vorstandsverzeichnisse der Christuskirche zeigen, stand der Eimsbütteler Kirchenvorstand seit dem Kaiserreich unter dem Einfluss deutschvölkischer, antisemitischer Parteien: Der Deutschsozialen Partei (DSP, 1890-1914), der Christlich-sozialen Partei (CSP, 1880-1918), des Alldeutschen Verbandes (1891 bis 1939), der DNVP (1918-1933, hier waren große Teile der ehemaligen Christlich-sozialen Partei des extremen Antisemiten Adolf Stoecker organisiert) und der mit dieser konkurrierenden antisemitischen evangelikalen Partei Christlich-Sozialer Volksdienst (CSVD, 1929–1933. Dort arbeiteten die Klerikalfaschisten Friedrich Heitmüller und Fritz Tügel zusammen). Die Eimsbütteler Kirchenleitung und die antisemitischen Parteien waren also eng vernetzt. Konkretes Beispiel: Johannes Lehsten, seit 1895 aktiv in der antisemitischen Bewegung Eimsbüttels, trat während des 1. Weltkrieges in den Vorstand der Christuskirche ein. Er saß zugleich im Landesvorstand der antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).

evangelisch
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Gelesen hat man in Eimsbüttel neben den Parteizeitungen das von den Pastoren Karl Reimers (1872–1934, St. Michaelis) und Julius Hahn (1880-1956, Versöhnungskirche Eilbek) herausgegebene „Hamburger Kirchenblatt“ (1904-1921, danach: „Das evangelische Hamburg“). Hier wurden schon zur Kaiserzeit regelmäßig völkische und antisemitische Artikel publiziert. Am 6. Oktober 1918 schrieb Reimers dort: „Wenn nicht alles trügt, wird die Zeit nach dem Kriege eine ernste Auseinandersetzung mit dem Judentum unserer Tage bringen“. Julius Hahn war mit den Eimsbütteler Pastoren (inklusive Heitmüller vom Elim) über das deutschnationale Netzwerk verbunden. Bereits 1922 publizierte er das Buch „Die Judenfrage“ in einer Schriftenreihe des Rauhen Hauses. Hahn orientiert sich in dem Machwerk an den antisemitischen Hetzschriften von Adolf Stoecker, den er so sehr verehrte, dass er für seine Sakristei ein Glasfenster mit dem Bild Stoeckers anfertigen ließ.

Nach der Novemberrevolution 1918 wurde die antisemitische Hetze mit Angriffen auf den Arbeiter- und Soldatenrat verknüpft, der in Hamburg den Religionsunterricht abgeschafft hatte. In der Christuskirche war man zugleich gegen Juden, die Arbeiterbewegung und den Parlamentarismus des „religionslosen Staates“. Hitler war hingegen der „von Gott geschenkte Retter vor dem bolschewistischen Chaos“. Der Wechsel zur NSDAP erschien Eimsbütteler Christen da ganz selbstverständlich.

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Christuskirche
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Eimsbütteler Monat des Gedenkens
Stolpersteine – Fallbeispiel 2

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Das Verschwinden der Täter in der Biographie von
ISRAEL JOHANNES RUBANOWITSCH

Kommentar zu Band 2 von
Stolpersteine in Hamburg-Eimsbüttel und
Hamburg-Hoheluft-West. Biographische Spurensuche

Landestentrale für Politische Bildung, Hamburg 2012

- Text folgt –

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Georges-Perec-Entdeckungsabend

Kampnagel
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LINKS: Georges Perec ist in Deutschland jetzt bei Facebook. MITTE: Nationalkabarett St.Pauli-Theater/Polittbüro. RECHTS: Kabarett-isierung der Linken (Werbung für Alma Hoppe-Lustspiel und Polittbüro).

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Kirchen, ETV und Stolperstein-Gruppen werden beim Eimsbütteler Gedenkmonat umrahmt von allen Genres der Kultur: Kino, Theater, Kabarett, Lesungen. Es handelt sich fast durchweg um kommerzielle Veranstaltungen, für die Eintrittsgeld zu zahlen ist. In den meisten Fällen wird ein ohnehin laufendes Programm einfach dem „Gedenkmonat“ zugeschlagen. Geschäftlich unterwegs sind auch am „Gedenken“ beteiligte Kleinkünstler mit eher prekärer Existenz. Für sie bietet der Gedenkmonat eine Bühne und die Möglichkeit zu Anträgen auf staatliche Fördergelder. Einer, der in diesem Sinn immer dabei ist, ist Thomas Ebermann. Er nimmt am Lese-„Marathon“ teil, wirbt für das Kabarett „Polittbüro“ und wird immer wieder fündig auf der Suche nach fremden Texten (zuletzt Marcuse), die sich mit Fördergeldern der Kulturbehörde (auch zur Zeit des Beust-Senates) kommerzialisieren lassen.

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Im Rahmen des Eimsbütteler Gedenkmonats 2015 warb Ebermann für einen „Georges-Perec-Entdeckungsabend“. Der Grund der Entdeckerfreude – „Seit einigen Jahren wird der französische Autor Georges Perec hierzulande wiederentdeckt“ – wird nicht verheimlicht: „Mit etwas Glück wird das ganze Stück 2016 in Hamburg auf die Bühne kommen. Unterstützt von der Kulturbehörde Hamburg.“ Eine facebook-Seite ist schon am Start.

Dieser Beitrag unterscheidet sich nicht wesentlich von dem der Stolperstein-Gruppe.

Der 1936 geborene und 1982 verstorbene Georges Perec war ein jüdischer Schriftsteller. Der Vater fiel im Kampf gegen die Wehrmacht, die Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Viele von Perecs Texten sind von den traumatischen Erinnerungen an den Naziterror geprägt und haben diese oft auch explizit zum Thema. Dass ihn hier – anders als in Frankreich – kaum jemand kennt, ist so schlüssig wie die Tatsache, dass er HEUTE plötzlich „entdeckt“ wird. Aus dieser Entdeckung jetzt umgehend Kapital bzw. Fördergeld schlagen zu wollen (im Wettlauf mit anderen, die da auch schon darauf gekommen sein könnten), ist hinreichend geschmacklos und es ist zugleich mehr als fragwürdig, Literatur schon „verfilmen“ zu wollen, bevor sie überhaupt gelesen wurde.

Auch auf diese Weise wird eine „Opferbiographie“ integriert ins das Selbstbild der Berliner Republik und ihres Eimsbütteler Unterbezirks.

Aus der Nazi-Zeit wird ein kultureller Mehrwert herausgefiltert und für das Golem- bzw. Kampnagel-Kultur-Publikum, das die Diskurse, Rituale und Codes schon kennt, zu einer schönen Abendunterhaltung aufbereitet.

Man macht das bereits unter der Voraussetzung, dass ein Perec-Zitat in der Berliner Republik von heute keine politisch relevante Anklage mehr ist, sondern eher eine Bereicherung der staatlichen „Gedenklandschaft“ und ihrer bloß symbolischen Schuldbekenntnisse. Sonst würde es auch keine Kultur-Fördergelder geben.

Eine Infragestellung dieser Konstellation – also ein Angriff auf den Erinnerungsweltmeister – ist für „Kulturschaffende“ wie Ebermann schon lange kein Thema mehr. Nicht einmal die Frage wird gestellt, wie man Perec, dessen Familie von den Deutschen umgebracht wurde und der ohne diese Tatsache, SO nicht geschrieben hätte, davor schützen kann, unfreiwillig den Deutschen von heute zur Unterhaltung zu dienen. (Das Kulturpublikum will nicht wissen, welche Fronttruppen dem Vater von Georges Perec zum Verhängnis wurden und wer die Sammelstellen organisierte, von denen aus die Mutter nach Auschwitz deportiert wurde).

So trägt die „Kulturszene“ zur Festigung der „zivilgesellschaftlichen“ und staatstragenden neuen „Erinnerungskultur“ bei.

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Literaturhinweis
Die deutsche Reue heißt Stalingrad. Kein Vergleichen, kein Verzeihen, nichts wieder gutzumachen. Die Versöhnungsverweigerung des französischen Philosophen Vladimir Jankélévitch. In: Jankélévitch. Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2003.

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Erinnerungs-KULTUR
Golem
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Am 20.Juni 1991 stimmte der Deutsche Bundestag mehrheitlich dafür, Berlin zum deutschen Regierungssitz zu machen. Mit dem Beschluss von 1994, nicht mehrheitlich neu zu bauen, sondern Altbauten zu nutzen, erfolgte auch die Weichenstellung zum Einzug in berühmt-berüchtigte Nazi-Bauten wie z.B. in das frühere NS-Propagandaministerium. Allein die Umnutzung dieser Nazi-Bauten – darunter das Innenministerium, das Ministerien für Luftfahrt sowie die Reichsbank – kostete mehrere Milliarden Mark. Etwas anders wurde die „belastete Vergangenheit“ beim Reichstag entsorgt. Vor dessen Umbau ließ man das Symbol deutscher Reichsgröße vom 23.Juni bis 6.Juli 1995, von dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude mit Tüchern verhüllen. Was danach wieder enthüllt wurde, sollte ein symbolisch gereinigter REICHStag sein – als unproblematischer Ort für den BUNDEStag der größeren Berliner Republik.

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Eimsbütteler Antifaschistischer Stadtteilrundgang

Eimsbuetteler Turnverband
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Eine weitere Veranstaltung zum Eimsbütteler Gedenkmonat heißt:

Vorwärts und nicht vergessen! Eimsbütteler Antifaschistischer Stadtteilrundgang.

Nähere Auskünfte darüber wo heute Vorwärts liegt und was nicht vergessen werden soll, gibt es dazu nicht. Es ist aber anzunehmen, dass man die Orte der Reaktion und der Gegenaufklärung in der Hochburg der Antisemiten, als die Eimsbüttel schon zur Kaiserzeit galt, überhaupt nicht sehen will. Da es beim Eimsbütteler Gedenkmonat um die nachträgliche Gutwerdung Eimsbüttels geht – dazu gehört auch die Erfindung eines „roten Eimsbüttels“, das es so nie gab – suchen sich die antifaschistischen Heimatforscher lieber Orte und Themen aus, die nach ihrer Überzeugung etwas zu der Erzählung von Eimsbüttels Kampf gegen das Böse beitragen.

2014 wurde dieser Rundgang so angekündigt:

„Mit dem Rundgang soll an verschiedenen Stätten des einst so „roten“ (?) Eimsbüttels an Ereignisse und Orte in den Zeiten des NS-Regimes erinnert werden.

Routenverlauf:

• Von der Methfesselstraße bis zum Unnapark (Widerstand, Stolpersteine, Machtübernahme, Kriegsvorbereitungen wie z.B. Luftschutz seit April 1933, Zerstörungen im Juli 1943).

• Von der U-Bahn Christuskirche (“Judenchristen“) geht es weiter: Schwerpunkte dort sind die ETV-Gebäude an der Bundesstraße (Turnerhakenkreuze an der Fassade, Rolle des Sportes im NS-System, Gleichschaltung der Arbeitersportvereine, Ausgrenzung, Unterbringung von NS-Zwangsarbeitern).

Guide: Frank Lehmann, Hamburger Historiker und Museumspädagoge, Mitglied im Arbeitskreis Alternative Stadtrundfahrten (AKASFR) im Hamburger Landesjugendring. Als Firmen-Chronist interviewe ich Zeitzeugen, ehemalige und jetzige Mitarbeiter und recherchiere in den Archiven, um Ihnen am Ende ein fertiges Buch zu liefern – Ihre Firmen-Chronik! Veranstalter SPD-Nord. Bericht in der SPD-Mitglieder-Zeitung für Eimsbüttel : Hannelore Köster, SPD und Diakonie.

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…. so erfindet Eimsbüttel sich durch den Gedenkmonat einfach neu.

• Orte, von denen aus die Eimsbütteler Juden deportiert wurden, sind nicht der Rede wert.
(„Juden waren ja nur Opfer, keine Widerstandskämpfer“ )
• Versammlungslokale der SA im Grindelviertel (in denen heute Szene-Kneipen sind) will man nicht sehen.
• Man geht auch nicht an dem immer noch existierende Elektrogeschäft vorbei, das damals in den „judenfreien“ Wohnungen den Strom abstellte.
• Wo wurde die antisemitische Zeitung „Die Abwehr“ gedruckt, die einst in Eimsbüttel eine Massenauflage hatte?
• Wo lebte eigentlich Friedrich Raab, der Antisemit, der allein mit den Stimmen aus Eimsbüttel in die Bürgerschaft kam?
• Alles kein Thema. Nicht vergessen werden hingegen der „Luftschutz“ und der Bombenkrieg.

Was hier zu den „Judenchristen“ gesagt wurde (das war übrigens die Jerusalem-Gemeinde) möchte man lieber nicht wissen. An den am ETV-Gebäude weiterhin ausgestellten Hakenkreuzen hat sich 65 Jahre lang kein Eimsbütteler gestört. Sie hängen jetzt immer noch da, gelten aber heute als „Mahnmal“. Alter Dreck, umdefiniert.

Typisch auch die Formulierung: „Rolle des Sportes im NS-System“. Im ETV haben Nazis, wenn sie sich von der Judenverfolgung erholten, Fußball gespielt. Es gab hier keine harmlosen Sportler, die unfreiwillig eine subalterne „Rolle“ in einem ihnen äußerlichen „System“ gespielt haben.

Es gab übrigens auch keinen „gleichgeschalteten“ Arbeitersport. Die aktiven antfaschistischen Arbeitersportler wurden sofort inhaftiert oder gleich umgebracht. Andere haben sich zurückgezogen, weil es jetzt zu gefährlich war. Zusammen mit Nazis wollten sie nicht turnen. Viele haben aber auch – spätestens zu den Olympischen Spielen 1936 – die Seiten gewechselt. Die Deutschen von heute lieben das Märchen von der „Gleichschaltung“, weil das nach Widerstand oder „innerer Emigration“ klingt. Außerdem mögen sie diese Darstellung, weil sie sich selbst jeden Tag anpassen und sich daher sicher sind, dass sie das 1933 auch getan hätten.

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Beim antifaschistischen Stadtteilrundgang ebenfalls vergessen ….
Arbeitskreis Alternative Stadtrundfahrten
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Von 1929 bis 1933 galt das KH Elim als Hochburg der protestantischen Rechten. Bis in die 1960er Jahre wurde dieses von dem Nazi Friedrich Heitmüller geleitete Hospital wegen seiner NS-Vergangenheit von vielen Menschen bewusst gemieden. Diese Vergangenheit war sogar Gegenstand heftiger Bürgerschaftsdebatten. Aber auch die medizinischen Leistungen des Elim waren immer umstritten. 1972 stand das Elim erstmals vor der Insolvenz und 1975 sollte es eigentlich ganz aus dem Krankenhausbedarfsplan gestrichen werden. Medizin und Ideologie bildeten im Elim immer einen Zusammenhang. So war zum Beispiel in der Elim-Satzung ein Abtreibungsverbot festgeschrieben.

In den Hamburger Springer-Zeitungen wurde das ELIM immer als „Traditionshaus“ bezeichnet. Warum, das zeigt die oben abgebildete Abendblatt-Meldung aus dem Jahr 1956:

■ 10 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht war die Remilitarisierung Westdeutschlands durch Gründung der Bundeswehr abgeschlossen. Am 12. November 1955 wurden die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr vereidigt. Vor allem die Führungsebene bestand überwiegend aus früheren Wehrmachtsoffizieren, unter denen es viele gab, die an den Verbrechen der Wehrmacht aktiv beteiligt gewesen waren.

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■ Zu den ersten Offizieren der neuen Bundeswehr gehörte auch der Elim-Arzt Dr. Hermann Wulf (1915-1990). Im April 1956 wurde er zum Kommandeur des neu aufgestellten Panzergrenadierbataillons ernannt. Ein Jahr später wurde er Kommandeur an der Heeresoffiziersschule II in Hamburg und 1967 Brigadegeneral der Bundeswehr.

Für diese Kariere hatte Hermann Wulf sich in der Wehrmacht qualifiziert. Als die Wehrmacht Frankreich eroberte, wurde ihm als Oberstleutnant und Kompanieführer der 9. Kompanie im Alter von 26 Jahren das Ritterkreuz verliehen. Ein halbes Jahr vor der bedingungslosen Kapitulation wurde er Kommandeur des Panzer-Grenadier-Regiments 76 der Wehrmacht und fünf Monate vor dem Ende Kommandeur des Führer-Begleit-Bataillons, das neben der Leibstandarte-SS Adolf Hitler für den Personenschutz Hitlers verantwortlich war.

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■ Zusammen mit dem von Wulf befehligten Panzergrenadierbataillons der neuen Bundeswehr wurde am Standort Munsterlager (Manövergelände in der Lüneburger Heide) damals auch ein Panzerbataillon aufgestellt. Dessen Kommandeur war Karl-Theodor Molinari (1915-1993), der in der Wehrmacht ebenfalls Kommandeur der Panzertruppe in Frankreich war.

Soldaten seiner Einheit ( Panzerabteilung 106) erschossen im Sommer 1944 in Gefangenschaft geratene französische Widerstandskämpfer in einem Wald in den Ardennen. 1951 wurde Molinari von einem französisches Militärtribunal dafür in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Molinari war damals schon CDU-Kreisvorsitzender und Landrat in Schleiden (NRW). Obwohl Molinaris Kriegsverbrechen öffentlich bekannt wurden, ging er bei der Bundeswehr mit dem Titel eines Generalmajors in Rente. Der rechtslastige Bundeswehrverband hat sogar eine Molinari-Stiftung gegründet und betreibt unter diesem Namen sein „Bildungswerk“.

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■ Dr. Hermann Wulf, der von der Wehrmacht zum Elim wechselte und von dort zur Bundeswehr, blieb seiner Gesinnung immer treu.

Als der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) im Sommer 1968 ankündigte, eine der berüchtigten Reden des Predigers Helmut Thielicke in der Hamburger Michaeliskirche zu stören (Thielicke predigte u.a. gegen die Entnazifizierung und verteidigte Antisemiten), rief Wulf, damals Brigadegeneral und Kommandeur der Hamburger Heeresoffiziersschule seine Soldaten dazu auf, in Zivil die Rolle eines Saalschutzes zu übernehmen.

Darüber berichtete damals u.a. der Spiegel:

„Am Sonnabend vorletzter Woche, gegen 15.30 Uhr, besetzten die Soldaten Christi – als Staatsbürger ohne Uniform – alle taktisch wichtigen Punkte der Hamburger Kirche St. Michaelis. Sie postierten sich unter der Kanzel und auf der Empore, hinter dem Eingang und vor dem Altar — bereit, das Wort Gottes und des Predigers D. Dr. Helmut Thielicke D. D. notfalls mit ihren Händen zu verteidigen. Unterstützt wurde das hundertfäustige Wachkommando durch Zivilpolizisten, Thielicke-treue Theologiestudenten, Kirchenvorstandsmitglieder und zwanzig Kirchendiener aus Nachbargemeinden; in der nahen Polizeiwache standen zusätzlich zwei Gruppen Uniformierte bereit.“

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Auch beim Stadtrundgang vergessen: Das Restaurant Patzenhofer am Stephansplatz.
1946 luden jüdische Angehörige der britschen Armee die wenigen Hamburger Juden, die überlebt hatten zum Befreiungsfest ins Restaurant Patzenhofer am Stephansplatz ein.
Synagoge Hamburg
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70 Jahre 8.Mai: Befreiung – was sonst?

Eimsbuetteler Gedenkmonat
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Geschichtsrevisionismus von LINKS

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Schließlich gehört zum Eimsbütteler Gedenkmonat noch die Veranstaltung:

70 Jahre 8.Mai: Befreiung – was sonst? – Auf den Spuren des Widerstands. Stadtteilspaziergang und Demonstration.

Durchgeführt wird sie vom Umfeld von Linkspartei und DKP. Die Linkspartei will den Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht unter Berufung auf die Weizsäcker-Rede von 1985 in Hamburg zum Feiertag machen. Unterstützt wird das Vorhaben u.a. von der VVN.

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Den Aufruftext gibt es in verschiedene Varianten, mit denen man begründen will, warum heute ALLE vereinigten Deutschen den 8.Mai als einen Tag der Befreiung feiern sollten:

Eine Formulierung lautet:

„In Deutschland erlebten in erster Linie die überlebenden Verfolgten und Widerstandskämpfer/innen diesen Tag als Befreiung. Aber auch wir alle, die wir heute leben, verdanken die Chance eines Lebens in Frieden, Freiheit und Vielfalt den Siegern des 8. Mai.“

Eine zweite Variante lautet:

„Vor 70 Jahren wurden nicht nur die Überlebenden des Nazi-Terrors befreit, sondern die ganze Gesellschaft.“

Und in einem Flyer heißt es:

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung für die Menschen in den durch Nazideutschland besetzten Ländern. Und in Deutschland selbst? Für einen Großteil der resignierten Bevölkerung stellte dieser Tag nach den Kriegsjahren eine Erleichterung dar.“

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Es handelt sich hier um einen Geschichtsrevisionismus neuen Typs wie er nur im Kontext der neuen „gesamtdeutschen“ Gedenkkultur entstehen konnte.

Jede dieser Formulierungen verfälscht in verschiedenen Variationen die historischen Ereignisse. In der ersten Fassung lässt man die Wenigen, die die Ermordung der europäischen Juden überlebten, namenlos in der Gruppe der „Verfolgten“ aufgehen und stellt sie als passive Objekte neben die aktiven Widerstandskämpfer.

Verfolgte und Widerstandskämpfer hätten den 8. Mai „in erster Linie“ als Befreiung erlebt. Wer sich „in zweiter Linie“ gefreut hat, bleibt offen.

In der zweiten Fassung gibt es nur noch die Sammelbezeichnung „Überlebende des Naziterrors“. Akteure dieses „Naziterrors“ waren wohl „die Nazis“, die zu unterscheiden sind von der „ganzen Gesellschaft“. Befreit vom Naziterror wurden aber „wir alle, die wir HEUTE leben“, sowie DAMALS „die ganze Gesellschaft“.

In der dritten Fassung werden nicht mehr die Verfolgten und Widerstandskämpfer in Deutschland, sondern die Menschen in den besetzten Ländern befreit. In Bezug auf Deutschland ist die Formulierung hier etwas unentschlossener, was vor allem daran liegt, dass die ersten beiden Formulierungen eher sagen sollen, wer „objektiv“, also unabhängig von der eigenen Wahrnehmung befreit wurde. Die Flyer-Formulierung wagt sich hingegen auf das Glatteis der subjektiven Wahrnehmung der Tätergeneration, der sie nun bescheinigt, an diesem Tag zugleich „resigniert“ (sic!) und „erleichtert“ gewesen zu sein.

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Man kann davon ausgehen, dass die Leute, die diese Geschichtsverfälschung formuliert haben, wissen was sie taten. Sie wissen,

• dass die Deutschen bis zuletzt auf Hitlers Wunderwaffe hofften,
• dass Todesmärsche und Transportzüge zwischen den Konzentrationslagern bis zum 2. Mai 1945 stattfanden,
• dass die Deutschen am 8. Mai vor allem eine berechtigte Angst vor der Rache der Siegermächte für die von ihnen verübten Verbrechen hatten,
• dass damals der Spruch umging: „Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich“,
• dass die Deutschen die Kapitulation als Untergang, Zusammenbruch und Katastrophe empfunden haben, zum einen weil sie lieber „Herrenmenschen“ geblieben wären und zum anderen weil jetzt Millionen in die Kriegsgefangenschaft marschierten und Millionen andere zu Recht vertrieben wurden.

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Es steht auf einem anderen Blatt, dass die Deutschen am Ende zu ihrer eigenen Überraschung so gut davon kamen, aber die Alliierten kamen definitiv nicht als Befreier und sie behandelten die Deutschen, von denen nicht nur die 10 Millionen Partei-Nazis Hitler-Anhänger waren, auch nicht als Befreite. Die Siegermächte mussten den Nationalsozialismus ja gerade deshalb gewaltsam beenden, weil die Deutschen bis zum letzten Kriegstag den Nationalsozialismus verteidigten.

Am 8. Mai 1946 sagte der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Schuhmacher:

Wir haben es mit einem Volk zu tun, das in seinen Träumen eigentlich mehr darüber trauert, dass dieser Krieg verloren ging, als dass es darüber trauert, dass dieser Krieg möglich war und geführt wurde.“ („Grundsätze sozialistische Politik“, Hannover 1946).

Schuhmacher, der zehn Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern schikaniert wurde, sagte das, obwohl er nach 1945 ein antikommunistisches und deutschnationales Programm verfolgte. Und er sagte es, obwohl die SPD sich vorgenommen hatte, die ehemaligen Wehrmachtssoldaten und Mitglieder der Waffen-SS als Wähler zu gewinnen.

Für Schuhmacher waren die mörderischen Ereignisse noch zu nahe, als dass er wie Linkspartei, VVN und DKP es heute tun, den Deutschen unterstellen konnte, sie hätten auf den 8.Mai „erleichtert“ reagiert und sich „befreit“ gefühlt.

Wie kommt es, dass Leute die sich auf linke Widerstandskämpfer berufen, wider besseres Wissen die historischen Ereignisse verfälschen, um die Deutschen nachträglich als Leute darzustellen, die „erleichtert“ waren als ihr Herrenmenschen-Traum in Trümmern lag?

Weil ihre Befreiungsthese kein historischen Befund sein soll, sondern ein geschichtspolitisches Programm in einer Zeit, in der symbolischer Antifaschismus gesamtdeutsche Staatsräson ist. Der alte Antifaschismus mit seinem gesellschaftskritischen Anspruch läuft unter diesen Voraussetzungen ins Leere. Um beim Mainstream-Antifaschismus der Berliner Republik dabei sein zu dürfen, muss die Geschichtsdeutung angepasst werden.

Sie lautet:

Aus heutiger Sicht ist es doch ganz egal, ob die Deutschen sich am 8. Mai 1945 befreit fühlten oder „resigniert“ waren, weil die schöne Nazi-Zeit vorbei war. Der Streit „Befreiung oder Niederlage?“ ist ein Thema der 1990er Jahre, das heute ohne Bedeutung ist, weshalb eine auf Parlamentswahlen ausgerichtete Linke politisch verlieren würde, wenn sie auf der historische Wahrheit beharren würde.

Diese Linke weiß: Nach der Gutwerdung der Deutschen sollte man dem Export- und Fußballweltmeister nicht mehr rechthaberisch gegenüber treten, sondern seinem Anspruch gerecht werden, jetzt auch zu den Guten zu zählen und daher auch keine falschen Rücksichten mehr nehmen zu müssen. Opa war kein Nazi und falls doch, dann war er nur unglücklich „verstrickt“ (Weizsäcker) und aus dieser Verstrickung hat ihn und uns die Anti-Hitler-Koalition „befreit“, damit wir heute als europäische Vormacht ein Leben „in Frieden, Freiheit und Vielfalt“ leben können.

Sie wird also auch von links die Erinnerung an Nationalsozialismus und sein Fortwirkung nach 1945 „gedenkpolitisch“ gefiltert und aufbereitet für die heutigen Zwecke der Berliner Republik.

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KZ Ebensee. Nebenlager von Mauthausen, 6. Mai 1945
 Monat des Gedenkens Eimsbuetel

Der 8. Mai -Tag der Befreiung von deutscher Barbarei – darf kein deutscher Feiertag werden !

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8. Mai: Hamburger SPD grüßt die Befreier

Juergen Mantel Eimsbuettel
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Veranstaltung der SPD-Hamburg
Freitag, 8. Mai 2015
Russland – Aggressor oder unverstandene Supermacht?
Diskutieren Sie mit! Wir freuen uns auf Ihr Kommen.
PODIUM: – Sabine Adler, Osteuropa-Korrespondentin des Deutschlandradios. Gabriele Kötschau, Handelskammer Hamburg. Franz Thönnes, SPD-Bundestagsfraktion, stv. Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. Knut Fleckenstein, MdEP. Moderation Sören Schumacher, MdHB, Fachsprecher Europa. Im Kaisersaal des Hamburger Rathauses.

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Widerwärtig

Mit widerwärtiger Häme ziehen die deutschen Medien über die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung von deutscher Barbarei in Moskau her. Nur drittrangige Staatsführer seien diesmal der russischen Einladung gefolgt. Die Feierlichkeiten selbst seien ruiniert. Putin instrumentalisiere sie für den Ukraine-Konflikt. Tatsächlich ist es der Westen, der hier instrumentalisiert und die Gelegenheit nutzt, um die historische Leistung der Roten Armee abzuwerten.

Sowjetische Truppen befreiten Majdanek, Auschwitz, Stutthof, Groß-Rosen und viele andere Konzentrationslager und Kriegsgefangenlager. Sowjetische Truppen zerschlugen die faschistische Wehrmacht. Zum Zeitpunkt der Invasion an Frankreichs Küste hatte die Rote Armee schon drei verlustreiche Jahre gegen drei Millionen Wehrmachssoldaten und SS-Truppen gekämpft, die mit 7500 Artilleriegeschützen, 3000 Panzern und 2500 Flugzeugen die Sowjetuinon überfallen hatten. Mit der Vernichtung der deutschen 6. Armee in Stalingrad Anfang 1943 war der Wendepunkt erreicht, aber der Kampf dauerte trotzdem noch zwei Jahre, in denen die Deutschen Millionen Menschen ermordeten und das Land restlos ausplünderten und zerstörten. An der Ostfront befanden sich die meisten und die kampfstärksten deutschen Verbände. Ohne den Beitrag der westlichen Alliierten deshalb zu schmälern, steht fest, dass das nationalsozialistische Deutschland von der Roten Armee unter ungeheueren eigenen Opfern zerschlagen wurde.

Angesichts des mörderischen Wütens der Deutschen in der Sowjetunion und angesichts der Tatsache, dass vor allem die Rote Armee Europa von den Deutschen befreit hat, ist die Herabwürdigung der Moskauer Gedenkfeierlichkeiten ein frontaler Angriff auf die historische Wahrheit und auf die Veteranen der Roten Armee und ihre Angehörigen.

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Die Veranstaltung der Hamburger SPD zum 8. Mai ist eine von mehreren Varianten aggressiver Herabwürdigung:

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Januar 2015:

Feierlichkeiten anlässlich der Auschwitz-Befreiung ohne die Befreier

Am 27. Januar 2015 fand die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee ohne russische Beteiligung statt. Neben vielen anderen forderte der Auschwitz-Überlebende Max Mannheimer, Vorsitzender des Dachauer Opferverbandes, vergeblich eine spezielle Einladung des russischen Präsidenten.

Der Westen, zu dem heute auch der Osten gehört, verweigerte den Soldaten der Roten Armee damit die Erinnerung, unter ihnen auch den 200.000 jüdischen Gefallenen. Unbeeindruckt von den Protesten der Überlebenden-Verbände hielt Gauck, der der Bundespräsident der Täternation in Auschwitz eine seiner salbungsvollen Reden, während die Befreier zu Hause bleiben mussten. Die auf Putin eingeschossenen Feuilletons, die es nie versäumen, sich an den wichtigen Gedenktagen bei den Texten der Holocaust-Literatur zu bedienen, fanden das genau richtig, weil sie finden, dass die Russen im Gegensatz zu den Deutschen in der Ukraine und auf der Krim nichts zu suchen haben. Einer der wenigen Kritiken, die es in die linientreuen Medien schafften, kam von Michael Wolffsohn, den der Deutschlandfunk interviewte:

Herr Wolffsohn, wie bedauerlich ist es denn aus Ihrer Sicht, dass der russische Präsident heute nicht an den Gedenkfeiern in Auschwitz teilnimmt? Wolffsohn: Es ist selbstverständlich, dass Putin nicht die Personalisierung der historischen oder politischen Moral ist, aber es ist genauso eindeutig, dass die Rote Armee, die Rote Armee, die Rote Armee und eben die Rote Armee Auschwitz befreit hat, und die befreiten von Auschwitz haben nicht gefragt, ist denn Stalin koscher. (DLF 27.1.2015)

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Mai 2015:

Deutschland boykottiert Gedenkveranstaltung in Moskau, aber Gauck hält eine Rede zur Roten Armee

Jetzt zum 8. Mai 2015 gibt es einerseits eine Wiederholung, zugleich wird die deutsche „Bestrafung“ der Befreier durch ein kostengünstiges, aber politisch durchaus heikles politischen Manöver ausbalanciert: Während Merkel die Teilnahme an den Moskauer Feiern zum Jahrestag des Sieges der Roten Armee verweigert, hält Gauck eine Rede, die gemessen an den deutschen Befindlichkeiten ziemlich weit geht – der rechte Mob schäumt vor Wut – , vor allem wenn man die meist nicht so ausführlich zitierten Einschränkungen und Relativierungen im Kleingedruckten weglässt:

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FAZ, 7. Mai 2015
Gauck würdigt Kampf der Roten Armee
„Tod von Millionen sowjetischer Gefangener eines der größten Verbrechen des Krieges“

Von den insgesamt rund fünfeinhalb Millionen sowjetischen Soldaten in der Gewalt der deutschen Wehrmacht hat weniger als die Hälfte überlebt. Sie gingen an Krankheiten elendig zugrunde, sie verhungerten, sie wurden ermordet“, und das sei „eines der größten Verbrechen in diesem Krieg“. Gauck fügte auch hinzu, dass sich die sowjetischen Kriegsgefangenen „was das kollektive Gedächtnis angeht, in einer Art Erinnerungsschatten“ befinden, was aber menschlich durchaus verständlich sei: „Das mag damit zu tun haben, dass die Deutschen in den ersten Jahren nach dem Krieg vor allem an ihre eigene Gefallenen und Vermissten dachten und an die Kriegsgefangenen, die zum Teil noch bis 1955 in der Sowjetunion festgehalten wurden“.

Kommentar: Es hat vor allem damit zu tun, dass die Deutschen sich nicht vorstellen konnten, dass sie für ihr barbarisches Wüten im Osten keinen Preis zu zahlen hätten. Angst vor „dem Russen“ hatten sie bis 1990. Bis dahin hielten auch die Zeitzeugen lieber die Klappe, weil sie auch mit juristischen Folgen rechnen mussten, jedenfalls dann wenn ihre Albträume wahr geworden wären und an einem Morgen ein Russenpanzer in ihrem Eimsbütteler Vorgarten gestanden hätte.

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8. Mai 2015 in Hamburg:

Für die SPD ein Geschäftstermin

Während Gauck ganz staatsmännisch die reale deutsche Expansion gen Osten mit einem Kompliment an die nicht mehr existente Rote Armee verbindet, klammern dieselben Hamburger Sozialdemokraten, die im Bezirk Eimsbüttel einen „Gedenkmonat“ veranstalten, das Thema einfach aus.

Ihre Veranstaltung mit dem eigenartigen Titel „Russland – Aggressor oder unverstandene Supermacht?“ findet zwar am 8. Mai statt, aber die „Geschichte“, die sonst so hoch im Kurs steht, kommt einfach nicht mehr vor.

Die Frage „Aggressor oder unverstandene Supermacht“ ist so gestellt, dass am Ende jede Antwort gegen die Russen spricht, auch wenn sich erahnen lässt, dass Sozialdemokraten für eine „unverstandene Supermacht“ mehr Verständnis hätten als für einen „Aggressor“, der keine höheren Ziele zu seinen Gunsten anführen kann.

Die Hamburger Sozialdemokraten sprechen für jene, die vor allem am Russland-GESCHÄFT interessiert sind.

Der ungeheuerlichste Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg des 20. Jahrhunderts mit 27 Millionen sowjetischen Toten, der vollständigen Verwüstung und Ausplünderung des ganzen Landes und dem Einsatz von Kriegsgefangen und Zwangsarbeitern für die deutsche Industrie – auch in Hamburg – ist auch am 8.Mai für die SPD keine Thema. Währenddessen gedenkt man in Eimsbüttel der „Opfer des Nationalsozialismus“ auf eine Weise, die sicherstellt, dass die 18 Millionen Wehrmachtsoldaten, die diesen Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg GEFÜHRT haben, nicht in den Blick geraten.

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rot-gruene Koalition
Hamburger Nachrichten-Blatt – Zeitung der Britischen Militärregierung für Hamburg. (Vergrößern mit Rechtsklick)

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Nachtrag 10.Mai 2015:
Direkt nach dem russischen Gedenken an die deutschen Verbrechen:
„Merkel nennt Annexion der Krim verbrecherisch“
Kommentar auf der letzten Seite dieses Blogs.

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Patriotismus lokal: Eimsbüttel war kein Nazi

Lokalpatriotismus
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Grünes Eimsbüttel 1933: „Tag der Radfahrer“ am 24. September (Kleiner Schäferkamp).
Der Sportbeauftragte von Hamburg, Egon Arthur Schmidt, brachte seine Freude zum Ausdruck, dass dieser Kundgebung große Massen Folge geleistet hätten. Mit einem Sieg-Heil und dem Horst-Wessel-Lied endete die Kundgebung auf der Moorweide (Hamburger Fremdenblatt vom 25.9.1933).

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Fazit zum Zweiten Monat des Gedenkens Eimsbüttel:

Der staatstragende Charakter des Eimsbütteler Gedenkmonats ergibt sich nicht allein aus dem neuen Geschichtsrevisionismus der hier beschriebenen Einzelveranstaltungen und den verschwiegenen Themen.

Wie schon erwähnt, wurden unter das Label „Gedenkmonat“ 60 Veranstaltungen subsummiert, von denen es viele auch ohne diese Dachmarke gegeben hätte. Neben einer „Luftballonaktion gegen Rassismus, für eine friedliche Welt der Kulturen“ gehörten dazu Veranstaltungen der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule, die Wanderausstellung „Der gelbe Stern“ oder der Film „Der Mann von der Cap Arcona“ in einem kommunalen Kino.

Aber selbst die beiden sehr verdienstvollen Vorträge „Geraubte Immobilien. Vertreibung der Erbengemeinschaft Salomon Bondys aus Eidelstedt und Lurup“ und „Die wahre Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie aus Hamburg. Buchvorstellung mit Torkel S. Wächter“ konnten kein Gegengewicht gegen die zentrale Ausrichtung dieses Gedenkmonats bilden, dessen Ziel am besten mit

Eimsbüttel war kein Nazi

beschrieben wird.

Eimsbüttel als Bezirk der Guten – das ist die lückenlose und zeitgemäße Einfügung in das vor allem für ANDERE entworfene Selbstbild der expandierenden Berliner Republik und somit an eine Darstellung , die dem Rechtsnachfolger des Dritten Reiches außenpolitisch größte Handlungsfreiheit gibt.

Veranstaltungen wie der „Zweite Monat des Gedenkens Eimsbüttel“ dienen vor allem der inneren Konsoldierung. Da es weiterhin eine erhebliche Diskrepanz zwischen der per Staatsräson verordneten Sichtweise auf den Nationalsozialismus und der Sichtweise fahnenschwingender „stolzer Deutscher“ gibt, soll diese Lücke „vor Ort“ einigermaßen ausgeglichen werden.

Die Schließung dieser Lücke zwischen Staaträson und Normal-Nationalismus soll unter anderem durch eine Art zurückdatierter Gutwerdung der Deutschen erreicht werden: Es waren damals nicht die Deutschen, sondern „die Nazis“. Aber auch Nazis kann es nur wenige gegeben haben, in Eimsbüttel jedenfalls ist kaum ein Nazi namentlich bekannt und mit jedem „Monat des Gedenkens Eimsbüttel“ werden es immer weniger Nazis, während die Zahl der Opfer und Widerstandskämpfer immer größer wird. Am Ende feiern alle Eimsbütteler den 8. Mai als den Tag, an dem ihre Vorfahren vom Joch einer kleinen Nazi-Clique befreit wurden.

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„Eimsbüttel war kein Nazi“ ist ein Programm für „unverkrampften (Lokal-) Patriotismus“. Nach dem „Monat des Gedenkens“ können bei der nächsten Fußball-EM die Deutschlandfahnen mit noch besserem Gewissen geschwenkt werden. Der Eimsbütteler Gedenkmonat ist der vollendete Frieden an der Heimatfront.

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No wayout of here: Der Gedenkmonat als Produktion gesellschaftlicher Ohnmacht

Der Monat des Gedenkens Eimsbüttel ist ein Bündnis von staatlicher Verwaltung, Politik und „Zivilgesellschaft“. Bezirkspolitik, Verwaltung, Kirchen, Großsportverein, Kulturszenen, Lokalmedien, geläuterte Antifaschisten und viele andere bilden zusammen eine absolut hermetisch geschlossene Front von Gutdeutschen, eine sich gegenseitig stützende Bündnis-Kohorte, die keinen kritischen EINWAND fürchten muss. Da wirklich ALLE drin sind in dieser großen Koalition, gibt es kein Außen mehr, das ihnen gefährlich werden könnte. Auch von Linken und Kulturlinken sind keine Einwände zu befürchten.

Und das wirkt sich auch dort aus, wo es um „Gedenkpolitik“ nicht geht, also im politischen Alltag, wo privatisiert, bebaut, kontrolliert und gemauschelt wird, wo eine Hand die andere wäscht (Kulturfördergelder, Baugenehmigungen, Gelegenheiten jeder Art), wo man sich kennt vom Gottesdienst, vom Yoga-Kurs beim ETV und eben vom Gedenkmonat. Lokalpolitiker, die viel auf dem Kerbholz haben, machen sich unangreifbar durch Enthüllung einer Gedenktafel. Pastoren, die sonst vor leeren Kirchen predigen, bekommen einen Extrabericht im Anzeigenblatt für einen Gedenkgottesdienst für die „Opfer der Gewaltherrschaft“. „Kulturschaffende“, die gerade eine Flaute haben, lernen die Leute kennen, die die Verbindungen haben. Anders gesagt: In Eimsbüttel trifft man sich zur „Marathonlesung aus verbrannten Büchern“ wie einst zum Kirchgang. Im Mittelpunkt steht auch hier nicht der Glaube, sondern die soziale Funktion.

Eimsbuettel
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Noch ein Beispiel für die Produktion gesellschaftlicher Ohnmacht:

Totalitarismus 2015:
Bürgermeister demonstrieren am 1. Mai
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Georges Perec
Bürgermeister Scholz und Vizebürgermeisterin Fegebank demonstrieren am 1. Mai

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• Am 15. April 2015 wurde Olaf Scholz in der Bürgerschaft mit 75 von 120 Stimmen erneut zum Ersten Bürgermeister gewählt. Zweite Bürgermeisterin wurde die Grüne Katharina Fegebank. Der rot-grüne Senat ist die Landesregierung, die in Hamburg staatliche Herrschaft ausübt.

• Der Erste Mai wird als Internationaler Kampftag der Arbeiterbewegung bezeichnet. Die Gewerkschaften veranstalten an diesem Tag Kundgebungen um – im Idealfall – ihre Forderungen hinsichtlich der Löhne und Arbeitsbedingungen zu unterstreichen. Diese Forderungen richten sich auch an staatliche Behörden und halbstaatliche Kapitalgesellschaften.

Der Staat und sein politisches Personal stehen in dieser Auseinandersetzung so wenig auf der Seite der Gewerkschaften wie der Bahnchef Rüdiger Grube auf der Seite der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) steht.

Wenn jedoch, wie am 1. Mai 2015 in Hamburg geschehen, der Oberbürgermeister und die Vizebürgermeisterin trotzdem als Teilnehmer der Demonstration und der Kundgebung der Gewerkschaften mitlaufen, dann soll das die hermetisch geschlossenen Gemeinschaft aller Hamburger symbolisieren, in der niemand mehr abseits stehen darf.

Das ist dann jene Totalität der Gesellschaft, die wie Adorno sagte, ihre Mitglieder mit Haut und Haaren beschlagnahmt: „Indem die Herrschenden planvoll das Leben der Gesellschaft reproduzieren, reproduzieren sie eben dadurch die Ohnmacht der Geplanten. Herrschaft wandert in die Menschen ein“. Es ist „gerade die Immanenz der Unterdrückten im System“, deren Elend heute „in der unendlichen Spiegelung ihrer selbst“ besteht und darin, dass

sie nicht mehr herauskönnen“.

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Adorno will damit sagen:

1. Die Lage ist schon schlimm genug.

2. Sie wird noch übler und aussichtsloser, wenn Du

a. gegen den Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft demonstrieren willst und dann neben Dir der Bürgermeister geht und vorne einer seiner Helfershelfer eine Rede hält.

b. im postfaschistischen Großdeutschland zur Gedenkfeier nach Bergen-Belsen fährst und vorne steht ein Pastor, der zugleich Bundespräsident ist und redet über das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust. Einfühlsam.

c. die Nazigeschichte einer Eimsbütteler Firma und ihre Verbindung zur Verwaltung erforschst, und dann genau diese Verwaltung zu einem Gedenkmonat aufruft, in dem aber Fragen nach Firmen und Verwaltungen nicht erwünscht sind.

d. Dich als scheinbar letzte Möglichkeit an linke Parteien und Akteure wendest und dann feststellen musst, dass die mit den anderen schon gemeinsame Sache machen …

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… Zum Beispiel so:

Im Jahr 2008 sprachen auf der Hamburger gewerkschaftlichen Mai-Kundgebung die Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche. Auf dem Ankündigungsplakat kündigte auch das Kabarett „Polittbüro“ eine „Sozialpartner-Revue“ an. 2015 ist das „Polittbüro“ mit Thomas Ebermann an dem Eimsbütteler Gedenkmonat beteiligt.

Georges Perec
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„Gedenkkultur“ und deutsches Unterbewusstsein

Eimsbuettel Gedenken
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Kein Mitleid mit den Deutschen
Auszug aus einem Interview mit
Marek Edelman (2005)

Tygodnik Powszechny: Muss der Schmerz eines Deutschen, dessen Kind bei der Flucht aus dem bombardierten Swinemünde in den Trümmern begraben wurde, kleiner sein als der einer polnischen Mutter, deren Sohn im Pawiak-Gefängnis gehenkt wurde?

Marek Edelman: Die Deutschen, die nach dem Krieg ihr Zuhause verlassen mussten, sind damit nicht so schlecht gefahren. Natürlich gab es Tragödien während der Vertreibung. Aber die, die in Westdeutschland ankamen, entgingen der Armut und landeten in einem Land des Wohlstands. Die Amerikaner halfen ihnen mit dem Marshallplan und Erhard brachte ihnen das Wirtschaftswunder. Sie konnten sich Autos von Volkswagen und Mercedes kaufen.

Der Plan, ein Zentrum der vertriebenen Deutschen jetzt zu bauen – ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg – ist eine rein politische Angelegenheit. Mehr noch, eine nationalistische und chauvinistische. Die Idee zum Bau des Zentrums stammt vom Bund der Vertriebenen, das heißt, es handelt sich um eine getarnte Rückkehr zur Idee vom »Drang nach Osten«. Im deutschen Unterbewusstsein glimmt immer noch die Überzeugung, dass die Deutschen zu wenig Lebensraum hätten, dass eine so große Nation auch einen großen Raum benötigt, dass er ihr auch schlichtweg zusteht. Dazu kommt Hochmut und die Überzeugung von ihrer Vorrangstellung in Europa.

Tygodnik Powszechny: Aber der Bund der Vertriebenen wird mehr oder weniger offen von Leuten aus der 68er-Generation unterstützt. Zum Beispiel Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer. Warum marschieren die Koryphäen der deutschen Linken, die sich bisher ihrer Aufarbeitung des Nationalsozialismus und ihrer Abrechnung mit seinen Verbrechen rühmten, jetzt Hand in Hand mit der nationalistischen Rechten?

Marek Edelman: Es ist schwer, diesen Wandel zu verstehen. Das sind die Menschen, deren Positionen mich besonders enttäuscht und verärgert haben. Als Führer der Studentenbewegung schienen sie zu wissen, wo der Deutsche hingehört und was man dem Bewusstsein der Deutschen noch jahrelang einschärfen muss, damit sich der Nationalsozialismus nie wiederholt, in welcher Form auch immer.

Tygodnik Powszechny: Vielleicht kommt die Haltungsänderung der 68er daher, dass sie sich nicht länger für die Taten ihrer Väter und Großväter Asche aufs Haupt streuen wollen? Wie viele Generationen lang kann man für die Schuld der Vorväter Buße tun?

Marek Edelman: Es geht nicht um Buße. Es ist ihre Pflicht, für diese Schuld zu bezahlen. Nicht ein, zwei oder drei Generationen lang, sondern solange, bis die Idee vom Herrenvolk aus der deutschen Mentalität ausgelöscht ist. Die Vertreibung der Deutschen veränderte nicht das Bewusstsein der Menschheit. Der Holocaust schon. Der Tod der Menschen war in den Vertreibungen nicht angelegt. Der Holocaust aber basierte auf Vernichtung. Der Holocaust und die Vertreibungen – das sind zwei verschiedene Dimensionen.

Jeder Krieg bringt den Tod. Aber Großbritannien baut auch keine Mahnmale für die zivilen Opfer der deutschen Bombenangriffe. Nur die Deutschen erheben ständig das Geschrei um ihre Opfer bei den alliierten Bombardierungen. Das beweist ihre Hochnäsigkeit und ihre Dreistigkeit. Es beweist auch, dass sie nichts von der Lehre aus dem zweiten Weltkrieg verstanden haben.

Mehr noch, die Deutschen haben den Krieg herbeigewünscht, die gesamte Nation stand hinter Hitler. Sie wollten die Welt beherrschen. Vielleicht hätten sie sogar Erfolg gehabt, hätten sie nicht Amerika zum Krieg herausgefordert.

Die Deutschen betonen, dass die Vertreibung auch Frauen und Kinder betraf. Was sie verschweigen ist, dass die Frauen Hitlers ideeller Rückhalt waren. Die Filme von Leni Riefenstahl sagen alles. Man sieht Tausende erregter Frauen und Mädchen, wie sie »Heil! Heil!« schreien. Sie verschweigen auch, dass sie während des Krieges von der Sklavenarbeit der eroberten Völker gelebt haben, weshalb es ihnen viel besser ging als den restlichen Europäern.

Tausende von Soldaten waren an der Eroberung Europas beteiligt. Sie hatten alle Verwandte, mit denen sie über ihren Dienst sprachen oder denen sie schrieben. Millionen von Juden wurden nicht von einer Handvoll Krimineller getötet, Tausende haben mitgemacht. Die Ausmaße des Tötens ließen eine Geheimhaltung nicht zu. Die Transporte mit Kleidung, gestohlener Kunst und geraubter Besitztümer aus den eroberten Gebiete endeten doch in Deutschland. All die Pelze, Radios, Gemälde, Gold aus den Ghettos … Und den deutschen Bauern kann ja wohl nicht entgangen sein, dass die Fremdarbeiter, die für Sie unentgeltlich arbeiteten, bei sich zu Hause von der Straße weggefangen worden waren. Zumal man sie als Strafe für Ungehorsam aufknüpfen durfte.

Es gab einen allgemeinen Hass auf die Deutschen. Dieser Hass war nicht unverdient und unter den Polen und Juden gleichermaßen stark. Ich spreche noch nicht einmal über Rache für die Ermordeten. Ich spreche über Erniedrigungen, beispielsweise, wenn ein eleganter, deutscher Offizier mit weißen Handschuhen einen Menschen mit dem Davidstern sah und ihm einfach ins Gesicht schlug. Einfach so, ohne Grund.

Marek Edelman

Tygodnik Powszechny: Nach dem Ende des Krieges schlugen Sie vor, den Jüdischen Staat nicht in Israel zu gründen, sondern in Bayern, der Wiege des Nationalsozialismus. Das hätte die Vertreibung der dort ansässigen Deutschen bedeutet.

Marek Edelman: Ja. Das Klima in Bayern ist besser als in Israel. Die Deutschen hätten auch eine Chance gehabt, für ihre Vergehen zu büßen.

Man sagt immer, es gab gute und schlechte Deutsche. Aber warum hatte ich nie das Glück, auch nur einen einzigen von den Guten zu treffen? Nur solche, die mir eins auf die Schnauze gaben. Es tut mir leid, um die junge Frau und ihr Kind, die während der Vertreibung umkamen. Aber ich habe kein Mitleid für die deutsche Nation, denn sie brachte Hitler an die Macht. Die deutsche Gesellschaft lebte vom besetzten Europa, von mir und meinen Freunden. Ich bekam nur zweihundert Gramm Brot am Tag und die Deutschen konnten sich satt essen. Darum ist es so wichtig, dass sie Buße tun. Sollen sie lange, lange weinen. Vielleicht werden sie dann begreifen, dass sie der Henker Europas waren.

Tygodnik Powszechny: Sie haben eine Petition unterschrieben für ein Europäisches Zentrum gegen Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Deportationen anstelle des Vertriebenenzentrums. Welchen Platz würden Sie den Deutschen in solch einem Zentrum einräumen?

Marek Edelman: Keinen. Sie sollen sich mit ihrem Unglück nicht dazwischendrängeln. Ihnen steht keine Barmherzigkeit zu, sondern Buße. Und das viele Generationen lang, sonst kommen ihre Hoffahrt und ihr Stolz wieder zum Vorschein.

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Marek Edelman, 1919 bis 2009, war der letzte noch lebende Anführer des Aufstandes von 1943 im Warschauer Ghetto. Er kämpfte auch im Warschauer Aufstand von 1944.

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Bezirksversammlung Eimsbuettel

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Ein deutscher Code: „Opfer des Nationalsozialismus“

Patriotismus
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Was gesagt werden muss

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Yehuda Blum (Juli 2012)

Meine Damen und Herren, am 27. Januar dieses Jahres war ich Gastredner in Saarbrücken anlässlich der Gedenkstunde des Landtages für – so heißt es in Deutschland – die Opfer des Nationalsozialismus.

Einige Wochen vor der Veranstaltung erhielt ich ein Mail aus Saarbrücken, in dem es hieß, es werde von mir erwartet, zusammen mit dem Landtagspräsidenten einen Kranz für die Opfer des Nationalsozialismus niederzulegen. Und zu ihrer Überraschung erwiderte ich, dass ich dazu leider nicht bereit sei. Da kamen die Fragen: „Warum denn nicht?“ Es ist ja auch etwas überraschend. Ich betrachte mich selbst als ein von den Nazis Verfolgter.

Meine Antwort lautete: Erstens, der 27. Januar wurde von der UNO-Vollversammlung einstimmig als Gedenktag für die Opfer der Schoah bestimmt, angesichts der Einzigartigkeit der Verbrechen, die am jüdischen Volk begangen wurden. Zweitens – und das ist auch mit dem ersten Teil meiner Antwort verbunden– bat ich um eine Liste der Kategorien der Menschen, die in Deutschland als Opfer des Nationalsozialismus gelten. Diese Liste habe ich bis zum heutigen Tag nicht erhalten.

Und ich glaube, deswegen können Sie es nachvollziehen, warum ich mich damals geweigert habe, diesen Kranz niederzulegen. Der Landtagspräsident musste es ohne meinen Beistand vollbringen.

Die amerikanische Militärregierung hat 1952 eine repräsentative Umfrage unter den Deutschen gemacht und dabei nach den Opfern des Nationalsozialismus gefragt und gebeten, eine Rangfolge anzugeben.

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An die erste Stelle setzten die Deutschen die
• Kriegerwitwen. Also die Witwen der Offiziere der Wehrmacht, der SS, einschließlich der Waffen-SS – letztere war ja genauso sauber wie die Wehrmacht, so hieß es.

Es folgten die
• Ausgebombten. Die Ausgebombten in Hamburg, Düsseldorf, München, Dresden, Berlin usw. Aber nicht die Ausgebombten in Warschau. in Rotterdam, in London, in Belgrad usw. Die waren offenbar nicht Opfer des Nationalsozialismus. Diese Menschen im nationalsozialistisch besetzten Europa, in Großbritannien z. B., die waren keine Opfer des Nationalsozialismus.

Dann kamen an dritter Stelle die
• Flüchtlinge. Sie hießen ja in Deutschland in jungen Jahren „die Vertriebenen“. Sie kamen vorwiegend aus der ehemaligen Tschechoslowakei –die Sudetendeutschen– und auch aus Polen, Oberschlesien, Hinterpommern, Danzig, Ostpreußen usw.

Ich selbst wurde in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren. Und sogar wir Kinder wussten damals, dass die Sudetendeutschen keine loyalen Staatsbürger der Tschechoslowakei waren, sondern systematisch das Land auf Anweisung von Berlin hin unterminierten und maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Tschechoslowakei im März 1939 aufgehört hat zu existieren.

An vierter Stelle waren die
• Hinterbliebenen der Widerstandskämpfer vom 20. Juli.

Das hat mich eigentlich ein wenig überrascht, denn in den 50er Jahren –bis spät in die 80er Jahre hinein– galten doch die Männer des 20. Juli als Verräter.

Als Opfer des Nationalsozialismus wurden die
Juden an fünfter Stelle genannt. An fünfter Stelle. Angesichts dessen fand ich mich bestätigt in meiner Weigerung, diesen Kranz in Saarbrücken niederzulegen.

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Bergen-Belsen

Es hat sich so manches geändert. Das ist wahr. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass praktisch jeder Deutsche nach `45 behauptete, von den Grausamkeiten und dem Völkermord an den Juden nichts gewusst zu haben. Und weil man davon nichts gewusst hat, konnte man ja auch schweigen.

1961, 16 Jahre nach Kriegsende, kam ich zum ersten Mal aufs Gelände des ehemaligen KZ Bergen- Belsen. Damals gab es dort keine Gedenkstätte. Nur die Massengräber. Wir kamen ins Dorf Belsen, 3 km vom ehemaligen KZ entfernt. Ich hatte die groteske Idee, meinen Eltern in Jerusalem von Belsen eine Ansichtskarte zu schicken. Ich ging in den Dorfladen und sah mich um. Als ich die ausgelegten Ansichtskarten sah, war ich mehr und mehr enttäuscht, denn alle zeigten das große Holzkreuz bei den Massengräbern.

Die Frau im Laden bemerkte, dass ich an etwas Anstoß nahm, und sprach mich auf Englisch an, weil ich mich mit meinen Freunden auf Englisch unterhielt. Und das folgende Gespräch entspann sich: Sie:

Ist etwas nicht in Ordnung?“ Ich: „Ich suche eine Karte ohne Kreuz.“ Sie: „Was stimmt denn nicht mit dem Kreuz?

Das Kreuz gab es hier während des Krieges nicht.“
Sie: „Aber das war doch der Friedhof.“
Ich: „Hier gab es keinen Friedhof.“
Sie: „Aber die Leute starben da.“
Ich: „Ja, sie starben, wurden aber nicht beerdigt.“
Sie: „Was geschah denn mit ihnen?
Ich: „Wenn Sie es wirklich wissen wollen – sie wurden verbrannt.“

An diesem Punkt legte sich Stille über den Laden. Die zehn bis fünfzehn Personen, die anwesend waren, lauschten alle dem Gespräch. Ein älterer Herr ging auf die Frau zu und flüsterte ihr hörbar ins Ohr: „Der Herr hat Recht.“ Ich wandte mich sofort an den Mann und antwortete ihm, dieses Mal auf Deutsch: „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Die Stille wurde noch drückender, wenn dies überhaupt noch möglich war.

Die Frau fragte mich nun völlig verblüfft, mit viel leiserer Stimme:

Sie sprechen Deutsch?
Ich: „Ja, gewissermaßen.“
Sie: „Woher wissen Sie das alles?
Ich: „Weil ich dabei war.“
Sie: „Glauben Sie mir, wir wussten nichts.“
Ich: „Meine Liebe, halten Sie mich etwa für einen naiven amerikanischen Touristen, dem Sie alles einreden können?

Und da erzählte ich den Anwesenden von jenem Julisonntag im Jahre `44, als wir nach zehntägiger Fahrt, eingepfercht in Viehwaggons, in Bergen-Belsen ankamen und durch das Dorf gingen. Und ich sagte:

Sie saßen alle auf dem Balkon oder standen am Fenster und sahen unserer Prozession zu. Was dachten Sie eigentlich? Da waren Frauen, die Babys trugen, Kleinkinder, Greise usw. War das alles ein Fall des deutschen Kriegseinsatzes? Ist Ihnen nie aufgefallen, dass das ein Einbahnverkehr war? Also sagen Sie mir bitte nicht, Sie wussten nichts. Sie alle wussten sehr viel und hätten sogar noch viel mehr wissen sollen. Aber Sie waren damals Feiglinge und sind es jetzt auch noch, wenn Sie sich Ihrer Vergangenheit und Ihrem Gewissen nicht stellen wollen.“

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Es ist jetzt wissenschaftlich belegt, dass der Massenmord, dass die Kenntnis über den Massenmord sogar in die Dörfer hinein drang. Sogar der Mord an den Juden durch Giftgas hatte sich schon während des Krieges herumgesprochen.

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Ich glaube, viele sind sich dessen nicht bewusst, dass sich Bundeskanzler Adenauer zwei Jahre lang weigerte, eine Entschuldigung für die Verbrechen der Deutschen bei den Juden einzuholen. Die westlichen Alliierten bestanden darauf. Sie sagten, das sei eine Vorbedingung für die Rückkehr Deutschlands in die zivilisierte Völkergemeinschaft. Die Deutschen wurden in den ersten Nachkriegsjahren ja praktisch als Aussätzige behandelt. Also, das war die Bedingung: Entschuldige dich.

Das wollte Adenauer nicht tun. Schließlich entschied er sich im Jahre `51 im September dafür. Und die Formel, die er damals gewählt hat, ist die vorherrschende Formel bis zum heutigen Tag:

Im Namen des deutschen Volkes wurden furchtbare Verbrechen verübt.

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Im Namen des deutschen Volkes. Diese passive Form. In Deutschland gab es viele Jahre lang nur Opfer.

Aber es gab keine Täter.

Die Juden waren Opfer. Wer waren die Täter? Da hat man sich ausgeschwiegen.

Und was soll das bedeuten: Im Namen des deutschen Volkes? Wer war das eigentlich?

Hier beginnt die Unterscheidung zwischen den Nazis und den Deutschen.

Die Bösen sind die Nazis, aber nicht die Deutschen.

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In Deutschland hat der Topos „Opfer des Nationalsozialismus“ über die Jahrzehnte hinweg dazu gedient, alle zu Opfern zu machen, die nicht Haupttäter waren. Und Haupttäter waren Hitler, Himmler und Kaltenbrunner. Sonst keiner.

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Roman Herzog hat 1996 den weltweiten Holocaust-Gedenktag in der BRD in einen

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus umgewandelt.

Ich glaube, viele Deutsche finden eine bestimmte Befriedigung in dieser Verwässerung der Schoah, darin, dass die Schoah integriert wird in den allgemeinen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Und ich denke, manche Deutsche finden sogar eine bestimmte Befriedigung darin, dass man auf Israel schimpfen kann.

Als mich ein Mitarbeiter der

Frankfurter Allgemeinen Zeitung

in Jerusalem besuchte, sagte er mir sogar: „Die israelische Armee benimmt sich ganz genauso wie die Wehrmacht.“

Und ich verstehe bis zum heutigen Tag nicht, warum ich ihn nicht sofort hinausgeworfen habe aus meiner Wohnung.

Ich wollte höflich und zivilisiert bleiben. Aber dieser Vergleich, der passt manchen Deutschen sehr gut. „Wenn die Juden so schlecht sind, waren wir vielleicht nicht so schlecht, wie wir angenommen hatten.“ Also, Relativierung der Schoah.
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Anmerkung:
Das war der FAZ-Mann Jörg Bremer vgl.: „Die Geschichte der jüdischen Siedlungen im Westjordanland und im Gaza-Streifen“, Faz 5. Juni 2001 sowie „Israels Siedler als Kriegsverbrecher?“, FAZ, 6. Juli 1998.

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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Deutsche Erinnerungskultur 2015

Todesanzeige in der FAZ mit Eisernem Kreuz der Wehrmacht
(Hakenkreuz entfernt).

Diese provokanten Anzeigen werden ständig in der FAZ geschaltet (und nur von dieser akzeptiert).

• Zuletzt am 5. Mai 2015 unter einem Artikel über Tocotronic.
Deutschpop gilt der FAZ als neue deutsche Nationaldichtung.
Tocotronic haben damit kein Problem.

• Eine Anzeige mit dem Eisernen Kreuz war am 18. April 2015 auf der Rückseite eines Artikels über Orador abgebildet.
Daneben eine Traueranzeige der Bundeskulturstiftung für Günter Grass.
Von der Bundeskulturstiftung lebt die neue deutsche Nationaldichtung (poplinke und poprechte Kulturszene der Berliner Republik).

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Nachträge und Links

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Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Bergen-Belsen, 26.04.2015
Bericht, Kommentare und Meldungen vom selben Tag,
die das Gedenken relativieren:

• Deutsche Panzer in Bergen-Belsen (Hamburger Abendblatt)
• Ravensbrück: Plastik für Überlebende, Porzellan für Ehrengäste (Tagesspiegel)
• Deutsche Kriegskinder erinnern sich (ARD, 26.04.2015 – 21:45 Uhr)
• Vox/SpiegelTV: Front, Bomben, Flucht, Vertreibung (FAZ 25./26. 04.2015)

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Nachtrag zu „Kriegskinder“

(siehe erster Kapitel dieses Blogs)

Die Medien, darunter die FAZ, haben eine Obsession für das Thema „Kriegskinder“. Der Letzte FAZ-Artikel dazu erschien ausgerechnet am 9. Mai 2015. Eine Frau Sabine Werner, Jahrgang 1936, wird vorgestellt. Dass sie ein „Kriegskind“ ist, erfuhr sie durch eine Radiosendung von und mit Sabine Bode (Autorin des Buches „Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation“).: „Es sollte noch viele Jahre dauern, bis Sabine Werner den Begriff des Kriegskindes zum ersten mal hörte. Sie schappte ihn bei einem Radiogesüräch mit Sabine Bode auf, die zu diesem Thema geforscht hat (siehe Kasten mit Interview)“. Dazu ein Foto von Frau Werner mit der Bildunterschrift: „Nach vielen Jahren: heute beschäftigt sich Sabine Werner mit ihrer Geschichte“. Und auch dies erfährt man: „Sabine war erleichtert, als sie erfuhr, dass ihr Vater beim Überfall auf Griechenland nicht an Kriegsgreueln beteiligt gewesen war.“ Wer das wie heraus gefunden hat, wird nicht erwähnt.

Das Thema „Traumatisierung der Kriegskinder“ und die Darstellung der Befunde wurde 1:1 von der Holocaust-Literatur über die Traumatisierung der Kinder von Überlebenden nationalsozialistischer Konzentrationslager „entlehnt“. In den 1990er Jahren wurde diese Literatur von deutschen Autoren entdeckt und sofort für eigene Zwecke genutzt – für die behauptung, nicht nur die Nachkommen der jüdischen Überlebenden seien traumatisiert, sondern eben auch die Kinder der Tätergenation. Dabei ignorierte man allerdings, was die Holocaust-Literatur über den verlauf von Traumatisierungen heraus fand: Symptome eine Traumatisierung auch im Alter sind eher selten oder schwächer ausgebildet, wenn die Betroffenen in einem Umfeld leben, das Verständnis und Empathie zeigt. Wer zum Beispiel in Israel lebt, wo man die eigene leidvolle Erfahrung mit anderen teilen kann und zudem nicht mit neuem Antisemitismus konfrontiert ist, kann mit den Traumatisierungen (durch Übertragung) besser umgehen.

Das gilt auf andere Weise auch für deutsche Kinder, die in den 1940er Jahren in Luftschutzkellern saßen. Der Horror, den sie erlebten, wurde von der Volksgemeinschaft als Terror von Feinden (Juden, Angloamerikaner) bewertet. Die eigene Familie und die ganze Volksgemeinschaft erschienen als Schutzgemeinschaft, in der das Kind aufgehoben war. Die Kinder wurden getröstet und man hat ihnen von dem Endsieg erzählt, also von einer großartigen Zukunft. 1945litten die Deutschen daran, dass sie ihr Herrenmenschen-Leben nicht mehr fortsetzen konnten. Auch da bildeten sie ein verschworenen (Schweige- ) Kollektiv, in dem sie sich gemeinsam in die Wirtschaftswunderjahre retteten. Der Aufstieg Deutschlands hat sie dann für alles entschädigt. Aus den „Kriegskindern“ wurde die Rock N Roll-Generation und man konnte sich Urlaub in Italien und Griechenland leisten. Mit der „Wiedervereinigung“ verpflog dann die Rest- Depression. In London und Rotterdam gibt es keine Bestseller-Literatur über Kriegskinder. Sie ist ein typischer Fall von deutscher Opferkonkurrenz. Es sind auch immer die selben eute, die interviewt werden. Das wird dann von ARD und FAZ aufgeblasen, wodurch dann wieder einige 70jährige entdecken, dass sie traumatisiert sind.

Literatur: Jacob, Günther: Stille Post – Die neue deutsche Oral History ist fasziniert vom Nationalsozialismus und macht aus den Tätern Zeitzeugen und Opfer der Umstände. Konkret-Serie ab 02/1999 (Zeitschrift: 56-59). German Gedächtnis – Das Konzept einer feindlichen Übernahme.

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Intergenerationale Tradierung:

FAZ 20.04.2015
Enkelgeneration interessiert sich für Wehrmachtsgeschichte
Das Interesse an der Geschichte der deutschen Wehrmachtssoldaten scheint 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ungebrochen. Mit rund 40 000 Anfragen im Jahr bleibt das Niveau bei der Deutschen Dienststelle in Berlin nach Angaben der Behörde weiter hoch. Die Dienststelle verwaltet vor allem Millionen von Akten zur früheren deutschen Wehrmacht. Besonders die Enkelgeneration beschäftige sich mit der Vergangenheit der eigenen Familie, heißt es. Die Deutsche Dienststelle hilft aber auch Kriegskindern, ihre Väter zu finden.

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Die Bundestagsrede des Staatshistorikers Heinrich August Winkler zum 8. Mai 2015

Winkel, geboren 1938 in Königsberg, ist der Prototyp des Staatshistorikers der Bonner Republik. Er geht an historische Themen heran wie die Staatsvolkswirte an die „Wirtschaft“ heran gehen: Ihre Befunde sind normativ auf den Staatswillen bezogen; es geht nie um eine Erklärung, sondern darum, was für Deutschland gut ist. Winkler sieht sich als Begleiter des deutschen Aufstiegs. Nicht die historische Wahrheit ist sein Thema, sondern die Frage, wie Deutschland sich mit historischen Argumenten so bewaffnen kann, dass alles zusammen passt – deutsche Niederlagen und deutsche Siege. Inzwischen gibt es aber eine neue Historiker-Genration der Berliner Republik, die dieses Geschäft allein deshalb viel smarter betreibt als Winkler – Leute zum Beispiel wie Norbert Frei – , weil ihr Ausgangspunkt bereits das 1990 erreichte Happy End ist, während Winkler alles noch aus der Bonner Perspektive erlebt hat. Während für Frei & Co. die „Wiedervereinigung“ kaum noch der Rede wert ist, eben weil sie seit 25 jahren eine Selbstverständlichkeit ist, können ältere Leute wie Winkler es im Inneren immer noch nicht fassen, dass dieser Coup wirklich gelungen ist. Hinzzu kommt, dass Winkler sich emotional noch nicht von dem in der Bonner Republik üblichen Gedenkpolitik-Vokabular gelöst hat. Formeln aus dieser Zeit wie: „Verbrechen in Namen der Deutschen“ oder die „dunkle Seite der Vergangenheit“ kommen so selbst in der FAZ nur noch selten vor.

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Heinrich August Winkler zum Weltkriegsgedenken im Bundestag am 8.Mai 2015 – Zitate

Erst die Erfahrung der deutschen Katastrophe der Jahre 1933 bis 1945, des Höhepunkts der deutschen Auflehnung gegen die politischen Ideen des Westens, entzog diesem Ressentiment (gegen die Moderne) allmählich den Boden.

Die Chance, eine zweite, diesmal funktionstüchtige und zur Selbstverteidigung fähige parlamentarische Demokratie aufzubauen, erhielt nach 1945 freilich nur ein Teil Deutschlands: Den Deutschen, die im anderen Teil des Landes lebten, blieb die politische Freiheit viereinhalb Jahrzehnte lang vorenthalten.

Viele Deutsche hatten einen langen und schmerzhaften Weg zurücklegen müssen, bevor sie dem Urteil eines ehemaligen Kriegsgegners (Churchill) rückblickend zustimmen konnten. Aber wären sie nicht bereit gewesen, sich der einzigartigen Monstrosität des Holocaust, der Ermordung der Sinti und Roma, von Zehntausenden geistig behinderter Menschen sowie zahllosen Homosexuellen und der Verantwortung für schrecklichste Kriegsverbrechen in den von Deutschland besetzten und ausgebeuteten Ländern Europas zu stellen, wie hätte die BRD je wieder zu einem geachteten Mitglied der Völkergemeinschaft werden können?
(Das ist die Formel der Staatsräson)

Besonders schwer war es für die Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen, das ihnen widerfahrene Leid als Folge der deutschen Gewaltpolitik zu begreifen und sich mit dem Verlust ihrer Heimat abzufinden.

Aber …. – (das ABER des Staatshistorikers …)

…. als nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 die deutsche Frage unverhofft wieder auf die Tagesordnung der internationalen Politik zurückkehrte, da war der überwältigenden Mehrheit der Deutschen, auch der Heimatvertriebenen, klar, dass es ein wiedervereinigtes Deutschland NUR in den Grenzen von 1945 geben konnte.

Abgeschlossen ist die deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht, und sie wird es auch niemals sein. Es gibt vieles Gelungene in dieser Geschichte, nicht zuletzt in der Zeit nach 1945, über das sich die Bürger der BRD freuen und worauf sie stolz sein können. Aber die Aneignung dieser Geschichte muss auch die Bereitschaft einschließen, sich den dunklen Seiten der Vergangenheit zu stellen.

Niemand erwartet von den Nachgeborenen, dass sie sich schuldig fühlen angesichts von Taten, die lange vor ihrer Geburt von Deutschen
im Namen Deutschlands begangen wurden.

Würden die Deutschen der

bequemen Versuchung nachgeben,

(„bequeme Versuchung“ ist vielleicht der Schlüsselbegriff der deutschen Erinnerungspolitik. Die Versuchung, die deutschen Verbrechen zu relativieren, ist RIESIG. Weil das Leid der anderen die Deutschen ja nicht innerlich berührt, ist es anstrengend, immer so zu tun als sei das nicht so. Es wäre bequemer, nicht daran denken zu MÜSSEN. Besonders dumm ist, dass der eigene Nationalismus/Patriotismus zum „Erinnern“ zwingt. Da stellt sich die Frage, wie lange unverkrampfte deutsche Patrioten diesen Widerspruch noch aushalten?)

sich nicht mehr an das erinnern zu wollen, was Deutsche nach 1933 und vor allem im Zweiten Weltkrieg an Schuld auf sich geladen haben, sie würden doch immer wieder damit konfrontiert werden, dass die Nachfahren der Opfer diese Geschichte so leicht nicht vergessen können.

(Sie würden gerne, dürfen aber nicht – aus langfristigem Eigeninteresse! Man setzt also nicht auf Empathie, sondern auf Berechnung. Den anderen bleibt zu hoffen, dass die Deutschen ihre langfristigen Eigenintressen selbst nicht aus dem Auge verlieren. Aber handelt es sich bei deutschen Interessen in der Ukraine noch um langfristige Interessen oder ist das schon ein Beispiel für eine „bequeme Versuchung“, der man nachgibt? Winkler „vergangenheitspolitische“ Absicherung hört sich nach dem alten Kosovo-Krieg-Konzept an: )

Die Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten sind kein Argument, um ein Beiseitestehen Deutschlands in Fällen zu begründen, wo es zwingende Gründe gibt, im Sinne der „responsibility to protect“, einer Schutzverantwortung der Völkergemeinschaft, tätig zu werden.

Das Jahr 2014 markiert eine tiefe Zäsur: Durch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim ist die Gültigkeit der Prinzipien der Charta von Paris radikal in Frage gestellt – und mit ihr die europäische Friedensordnung, auf die sich die einstigen Kontrahenten des Kalten Krieges damals verständigt hatten.

(Der Staatshistoriker als Staatsjurist. Was er nicht ahnt: Wenn der Anschluss der KRIM völkerrechtswidrig war, war es die Aneignung der DDR noch vielmehr, denn – anders als im Fall der Krim – gab es 1989/1990 in der DDR keine Volksabstimmung. Aber selbstverständlich ist Winkler das Völkerrecht ganz egal, weil er Staatshistoriker ist. Den Mann aus Königsberg bremst auch nicht die Tatsache, dass deutsche Polizeibataillone auf der Krim Tausende ermordet haben. Die „bequeme Versuchung“ lauert eben überall).

Das ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte:
(„Lehren aus der Geschichte“ gibt es nur bei Staatshistorikern)
Nie wieder dürfen unsere ostmitteleuropäischen Nachbarn, die 1939/40 Opfer der deutsch-sowjetischen Doppelaggression (sic!) im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes wurden den Eindruck gewinnen, als werde zwischen Berlin und Moskau irgendetwas über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten entschieden. (Zufällig haben Staatshistoriker immer die „Lehren“ parat, die gerade nachgefragt werden).

Dem wiedervereinigten Deutschland fällt innerhalb der EU schon auf Grund seiner Bevölkerungszahl und seiner Wirtschaftskraft eine besondere Verantwortung zu. Dazu kommt die Verantwortung, die sich aus der deutschen Geschichte ergibt.

Es ist eine an HÖHEN und Tiefen reiche Geschichte, die nicht aufgeht in den Jahren 1933 bis 1945 (sonst könnte man ja auf überhaupt nichts mehr stolz sein) und die auch nicht zwangsläufig auf die Machtübertragung an Hitler hingeführt, wohl aber (? Dialektik?) dieses Ereignis und seine Folgen ermöglicht hat. Sich dieser Geschichte (HÖHEN und Tiefen) zu stellen, ist beides: ein europäischer Imperativ und das Gebot eines aufgeklärten Patriotismus.

(Winkler, das ist einfach zu durchschaubar. Großdeutschen Chauvinismus kann die neue Generation der Statatshistoriker bedeutend weniger peinlich formulieren).

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Fehlende Feierlaune am 8. Mai

Deutschlandfradio Kultur 9. Mai 2015
Staatshistoriker Norbert Frei zum 8. Mai
Deutschlandradio Kultur: Hierzulande wurde dieser Gedenktag ziemlich schlicht und einer Feierstunde im Deutschen Bundestag begangen. Bei der hat Ihr Historikerkollege Heinrich August Winkler eine Rede gehalten. Also eine eher verkopfte, staatliche Veranstaltung. So richtig Feierlaune haben wir Deutschen offenbar immer noch nicht, wenn wir an das Ende der Nazizeit vor 70 Jahren denken.

Norbert Frei: Am Ende eines Infernos der Gewalt, das der Zweite Weltkrieg gebracht hat, ist vielleicht auch zu einer fröhlichen Jubelfeier, anders als bei der Befreiung von Paris im August 1944 und anderen wirklichen Gefühlen der Befreiung, die ja auch dann konkret schon die Allgemeinheit in diesen von Deutschland besetzten Ländern gehabt hat, in Deutschland selbst kein wirklicher Anlass. Natürlich spielt auch eine wesentliche Rolle das Wissen, das ja doch in der Bevölkerung vorhanden war, was man als Deutscher an Krieg im Osten inszeniert hat und wie der Krieg im Westen ausgesehen hat, der ja zwar auch mit einer harten Besatzungspolitik, aber doch nicht mit dieser Vernichtungspolitik wie im Osten begangen worden ist. Und insofern spiegeln sozusagen die Antizipationen der Deutschen dann auch ein Stück weit die Erwartungen dessen, was da als Besatzungsmacht auf einen zurollt.

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Die deutsche Erinnerungskultur schlägt zurück: Putin ist Hitler

Wenn Griechen und Italiener Merkel mit Hitler vergleichen, machen sie sich beim Erinnerungsweltmeister nur lächerlich.
Zugleich gilt in Deutschland der 70. Jahrestags der bedingungslosen Kapitulation als gute Gelegenheit, um Putin mit Hitler gleichzusetzen.
Die deutsche Erinnerungskultur ist 1999 von der Defensive in die Offensive übergegangen. Sie ist heute die Begleitmusik zur expansionistischen Politik.

Müssen wir Russland heute noch dankbar sein?

BILD, 7. Mai 2015
Russland-Zoff bei Anne Will
Krim-Annexion erinnert an Hitler-Strategie
Ausgerechnet am 9. Mai, zur großen Militärparade in Moskau, verweigert Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesem Jahr ihre Teilnahme. Der Grund: das aktuelle Verhalten Russlands auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim und in der Ostukraine. Provokation oder verständliche Reaktion? Anne Will fragte am Mittwochabend: „70 Jahre nach Kriegsende – müssen wir Russland heute noch dankbar sein?“
Teilnehmer: •Katja Kipping, Parteivorsitzende der Linken. • Erika Steinbach, Sprecherin für Menschenrechte der CDU/CSU im Bundestag. • Herfried Münkler, Politikwissenschaftler. • Marieluise Beck, Sprecherin für Osteuropapolitik der Grünen.

Die konservative Politikerin Erika Steinbach zählt zu den profiliertesten und umstrittensten Mitgliedern der CDU – sie nimmt die Kanzlerin in Schutz! Natürlich müsse Merkel nicht nach Moskau fahren, antwortet Steinbach auf Anne Wills Eingangsfrage. Dankbarkeit gegenüber der Roten Armee für die Befreiung vom Faschismus verspüre sie nicht. Stalin sei einer der schlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte gewesen, er stehe Hitler in nichts nach. Von einem Tag der Befreiung will Steinbach im Zusammenhang mit dem 8. Mai 1945 daher auch nicht reden. Mit dem Einmarsch der Roten Armee in Deutschland sei es zu Massenvergewaltigungen, Plünderungen und Mord gekommen. Die Konzentrationslager der Nazis seien von den Sowjets einfach weiter genutzt worden.

Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping warnt davor, Stalinismus und Nazi-Herrschaft gleichzusetzen. „Wir haben eine Verantwortung für die Geschichte und der müssen wir uns stellen“, sagt sie. Der 9. Mai sei für Russland ein bedeutender Tag – und der denkbar schlechteste, um über die Politik auf der Krim oder in der Ostukraine zu diskutieren. „Das ist ein Affront gegenüber Russland“, ärgert sich Kipping. Die Entscheidung der Bundeskanzlerin, nicht nach Moskau zu reisen, sei trotzdem richtig, findet der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Er vergleicht die Annexion der Krim gar mit Hitlers Griff nach dem Sudetenland. Europa sei durch Russland in eine schwierige Lage gekommen, glaubt auch die Grüne Marieluise Beck. Ohnehin habe die Rote Armee aus Soldaten aus vielen verschiedenen Ländern bestanden. „Die Länder zwischen Berlin und Moskau haben im Krieg den größten Blutzoll gezahlt“, sagt sie.

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Marieluise Beck, vorher Marieluise Beck-Oberdorf
Anne Will Russland

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Direkt nach der Gedenkveranstaltung an die deutschen Verbrechen:

FAZ, 10. Mai 2015
Merkel nennt Annexion der Krim „verbrecherisch“
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin haben am Sonntag in Moskau gemeinsam der Opfer des Zweiten Weltkriegs (= FAZ-Sprachregelung! Bei dpa heißt es: „sowjetischen Opfern des Zweiten Weltkriegs“) gedacht. Sie legten Kränze am Grabmal des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder. Danach sagte Merkel, sie als Bundeskanzlerin verneige sich „vor den Millionen Opfern, die dieser Krieg, vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselt, gefordert hat“. Mit Blick auf den Beginn der Krise sagte Merkel, die deutsch-russische Zusammenarbeit „hat durch die verbrecherische und völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die militärische Auseinandersetzung in der Ostukraine einen schweren Rückschlag erlitten“.

Delegationskreise brachten diese erstmalige Einstufung der Annexion der Krim durch Merkel als „verbrecherisch“ in Zusammenhang mit vorangehenden Äußerungen des Bedauerns über die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands.

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• In der dpa-Meldung
geht es noch weiter. Merkel forderte, Russland müsse die Krim an die Ukraine zurückgeben: „Es gehe darum, die territoriale Einheit der Ukraine wieder herzustellen. Russlands Einverleibung der Schwarzmeerhalbinsel Krim und die Gewalt in der Ostukraine seien eine Gefährdung der europäischen Friedensordnung, mahnte Merkel.

• Der Bayrische Rundfunk ergänzt:
Pikant: Merkel sagte dies bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kremlchef Wladimir Putin. Beobachter in Moskau überraschte vor allem der Ausdruck „verbrecherisch“. Der russische Präsident reagierte zunächst nicht auf die Wortwahl.

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Wenn diese Meldung stimmt,
hat die Entkoppelung von Realpolitik und „Gedenkpolitik“ eine neue Stufe erreicht:

(1) Merkel nennt im Kontext des russischen Gedenkens an die DEUTSCHEN VERBRECHEN (nicht zuletzt auf der Krim!) die russische Politik „VERBRECHERISCH“. Offenbar waren davon auch „Delegationskreise“ überrascht. Wenn diese aggressive Äußerung in den nächsten Tagen nicht relativiert wird, dann ist das (a) eine offene Kriegshetze und (b) der endgültige Emanzipation der deutschen Außenpolitik von der mittlerweilen 25jährigen staatlichen „Gedenkkultur“, die der deutschen Expansion flankierend erst Weg bereitet hat .

(2) Merkel droht der russischen Atommacht mit dem Ende der „europäischen Friedens-ORDNUNG“ (noch nicht des Friedens selbst), wenn Russland einen Wiederanschluß der Krim an die Ukraine verweigert. Russland wiederum versucht die Deutschen an ihrem „Wir sind ein Volk“-Chauvinismus zu packen und ihnen den Anschluss der Krim als russiche Wiedervereinigung zu erklären. Wobei Russland hier völkerrechtlich im Vorteil ist, weil es beim Anschluss der DDR kein Referendum gab. Nach der Öffnung der Grenze 1989 schickte Westdeutschland Zehntausende Kader in die DDR und finanzierte dort eine „Wir sind EIN Volk“-Bewegung (die westdeutsche Poplinke stellte ein eigenes Bataillon für Berlin-Mitte) . Die Entscheidung über den Anschluss fällten dann vom Westen finanzierte Parteien.

Wahrscheinlich hätten sich auch in einem Referendum eine Mehrheit der DDR-Bürger für den Anschluss entschieden (so war es 1935 und 1956 im Saarland), aber man wollte kein Risiko eingehen und vermied ein Referendum. Russland ging das Risiko auf der Krim ein, und die Mehrheit votierte für Russland. „Völkerrechtlich“ steht Russland also besser da als die BRD. Doch dieses Referendum störte die westliche Ost-Expansion, die von der europäischen Führungsmacht am stärksten voran getrieben wurde.

(3) Man hat sich schon daran gewöhnt, dass die Briten und Franzosen in der Ukraine – und auch in anderen Teilen des Ostens – kaum in Erscheinung treten. Osteuropa gilt längst als deutschen Terrain, und als einzige ernstzunehmende Konkurrenten gelten die USA. Die Selbstverständlichkeit mit der ausgerechnet Deutschland gegen Russland antritt – und dann noch auf einer Gedenkfeier für die Opfer der deutschen Verbrechen – ist mehr als „pikant“.
Pikant“ ist bis zum Abend des 10. Mai 2015 der einzige leicht irritierte Kommentar in den deutsche Medien zu dieser Ungeheuerlichkeit. Es gibt hier also kein Entsetzen. Vorerst ist noch unklar, was Merkel mit dieser Zuspitzung erreichen will. Da die Nicht-Atommacht Deutschland allein keine militärische Option hat, kann es bei dieser Provokation nur darum gehen, EU (vor allem die östlichen Staaten) und Nato unter deutscher Führung noch schroffer gegen Russland in Stellung zu bringen.

(4) Wie gefährlich diese Situation ist, wird nicht zuletzt an den Reaktionen eines Mannes deutlich, den die Deutschen aus gutem Grund verehren: Gorbatschow. Der Mann, der den Zerfall der Sowjetunion in die Wege geleitet und damit den Aufstieg Deutschlands zur neuen Supermacht ermöglicht hat, ist inzwischen von diesem Deutschland ziemlich irritiert. In verstreuten Kommentaren äußerte er sich so:

Der Westen habe seine Versprechen nach der Wende von 1989 nicht eingehalten und sich stattdessen zum Sieger des Kalten Krieges erklärt. Den westlichen Politikern seien Euphorie und Triumphalismus zu Kopfe gestiegen. Schon in den 90er-Jahren habe man begonnen, das Vertrauen Russlands zu untergraben. Als Beispiel dafür nennt Gorbatschow die Nato-Osterweiterung, Jugoslawien, das Kosovo, Raketenabwehrpläne, Irak und Libyen. Der Westen habe Russlands Schwäche ausgenutzt. Bis 2009 habe die Nato nach und nach zwölf osteuropäische Staaten aufgenommen. Eine Aufnahme der Ukraine in die Nato war zunächst für 2008 geplant. Gorbatschow wendete sich auch gegen die deutsche Ukraine-Politik: „Das neue Deutschland will sich überall einmischen“. Der Nato wirft Gorbatschow vor, die europäische Sicherheitsstruktur durch die Erweiterung des westlichen Verteidigungsbündnisses zerstört zu haben. „Kein Kremlchef kann so etwas ignorieren“. Zeitgleich seien die Gedankenspiele des Westens, Putin zu stürzen „höchst gefährlich“.
Wenn selbst ein Deutschlandfreund wie Gorbatschow die Lage so urteilt, kann man davon ausgehen, dass sie eher noch brisanter ist.

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Nachtrag zu:
„Merkel nennt Annexion der Krim verbrecherisch“:
Montag 11. Mai 2015

• Die gedruckte FAZ ergänzt ihre Meldung vom Sonntag durch den Hinweis aus „Delegationskreisen“: „Merkel habe die Aussage womöglich unbeabsichtigt gemacht, hieß es hernach“. Autor der FAZ-Meldung ist „frs/Moskau“. „frs“ ist Friedrich Schmidt, Moskau-Korrespondent der FAZ (geb. 1980). Der ganze Artikel erschien im unteren Teil der FAZ-Titelseite. In ihrem „Kommentar“ (von Rainer Blasius) auf Seite 8 geht die FAZ nicht auf diese Frage ein.

• Die ZEIT zitiert den Satz „Merkel nennt Annexion der Krim verbrecherisch“ ohne jede Einschränkung und ohne weiteren Kommnentar.

• Die Provinzzeitung „Westfalen Blatt“ bringt ihn unter der Überschrift: „KLARE KANTE“: „Die Bundeskanzlerin nennt die Annexion der Krim durch Putins Truppen »völkerrechtswidrig und verbrecherisch«. Diese klare Kante war so nicht zu erwarten.“

• Live zu hören ist Merkels Satz in der ZDF-Sendungheute“ vom 10. Mai 2015. Dort sieht es tatsächlich wie ein Versprecher aus; Merkel stolpert über den Wortanfang „ver-“ bevor sie „verbrecherisch“ sagt. Im Off-Kommentar der „heute“-Sendung heißt es dazu: „Verbrecherisch nennt Merkel das was auf der Krim passiert ist. Keine normale diplomatische Sprache.“ Im gedruckten Text der „heute“-Sendung heißt es: Ungewohnt scharf verurteilt sie … die “verbrecherische und völkerrechtswidrige Annexion” der Halbinsel Krim durch Russland. Eine Ohrfeige für Putin an dem Tag, an dem sie deutsche Verbrechen verurteilen soll?

Fazit:
In einigen Medien wird zaghaft angedeutet, Merkels Satz: „Die Annexion der Krim war verbrecherisch“ sei womöglich eine Freud´sche Fehlleistung. Andere Medien verzichten auf diese Einschränkung und finden sie uneingeschränkt richtig. Ein offizielles Dementi gibt es nicht und auch kein Erschrecken in der Öffentlichkeit. In Deutschland hält man den deutschen Satz: „Die Annexion der Krim war verbrecherisch“ – ausgesprochen am Gedenktag für 27 Millionen sowjetische Kriegsopfer – nicht für einen Tabubruch. Es ist also einer. Und er wird ohne größere Aufregung akzeptiert. Seit dem 10. Mai 2015 hat sich die deutsche Staatsräson also verändert. Die Außenpolitik löst sich von den Imperativen der eigenen „Gedenkpolitik“, die dieser Außenpolitik erst den Spielraum verschafft haben.

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Angela Merkel

Vor 74 Jahren ermordeten Wehrmacht und Polizeitruppen die Juden auf der Krim

Im Oktober 1941 griff die Wehrmacht Simferopo, Feodossija und bei Jalta die südliche Küste an. Gegen die im Südwesten gelegene Festung und Hafenstadt Sewastopol rannten sie noch über ein halbes Jahr vergeblich an. Doch am 4. Juli 1942 hieß es, die ganze Krim sei in deutscher Hand. Die Pläne der SS sahen vor, sie zum Teil eines „Reichsgaus Gotenland“ zu machen.

Schon am 9. Dezember 1941 begann auf der Krim eine der größten Massenerschießungen während des Zweiten Weltkriegs. Beteiligt waren die Wehrmacht, die Einsatzruppe D, Polizeibataillone und die Feld-Gendarmerie. In der Krim-Hauptstadt Simferopol leben zu diesem Zeitpunkt rund 13.000 Juden und 1.500 Krimtschaken, eine turksprachige jüdische Minderheit. Ein von der Roten Armee angelegter Panzergraben vor den Toren der Stadt wird als Exekutionsstätte ausgesucht. Die Juden müssen sich am Hauptsitz der Kommunistischen Partei einfinden. Man hatte ihnen erzählt, sie würden umgesiedelt. Viele trugen ihre besten Kleider. Kurz vor dem Panzergraben werden die Menschen durch ein Spalier von Wachposten getrieben. Sie müssen Schuhe und Mäntel ausziehen. Mit Peitschen und Eisenstangen schlagen die Posten auf die frierenden Menschen ein. Die Feldgendarmerie steht mit Schäferhunden daneben. Dann eröffnen Erschießungskommandos am Graben das Feuer. Jüdische Zwangsarbeiter müssen die Leichen im Graben stapeln. Vom 9. bis 13. Dezember werden 14.000 Menschen ermordet und verscharrt. Überall auf der Krim werden nun Juden aufgespürt und erschossen. Am 16. April 1942 meldet die SS nach Berlin: „Die Krim ist judenrein“.

Beteiligt an den Morden war unter anderem Hans Heinrich Eggebrecht, einer der bedeutendsten deutschen Musikwissenschaftler der Nachkriegszeit. Eggebrecht war Mitglied der Feldgendarmerieabteilung 683. Insgesamt haben die Deutschen während ihrer Besatzungszeit auf der Krim mehr als 40.000 Menschen ermordet. Beim Rückzug der deutschen Truppen wurden Städte und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, wobei Tausende Menschen bei lebendigem Leib, oft in veriegelten Scheunen, verbrannten.

Seit einigen Jahren ist der 11. Dezember auf der Krim offizieller Gedenktag für die ermordeten Juden und Krimtschaken.
Buchhinweis: Norbert Kunz, Die Krim unter deutscher Herrschaft 1941-1944. Darmstadt 2005

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Einer der wenigen Prozesse in Deutschland ging so aus:

Justiz und NS-Verbrechen Band XXXII
14.03.1969 – 22.08.1969 – Verfahren Lfd.Nr.715
Tatkomplex: Andere Massenvernichtungsverbrechen, Kriegsverbrechen
Angeklagte: • Beh., Carl Friedrich Magnus Verfahren eingestellt. • Dol., Otto Verfahren eingestellt. • Dub., Erich Verfahren eingestellt. • Kap., Joseph Verfahren eingestellt. • Lor., Paul Hugo Erich Verfahren eingestellt. • Pallmann, Karl Rudolf lebenslänglich. Si., • Hans Heinrich Jakob Verfahren eingestellt.
Gerichtsentscheidungen: LG Düsseldorf 690821. Tatort: Bolek Atschi, Donuslaw 1, Eupatoria, Feodosia, Ikor, Otar Majnak, Kolchose Schaumian (Krim) Tatzeit: 19 41-1942. Opfer: Juden, Zivilisten, Kriegsgefangene. Nationalität: Sowjetische. Dienststelle: Wehrmacht Heer Feldgendarmerie Feldkommandantur 810. Verfahrensgegenstand: Massen- und Einzelerschiessungen von Juden, ‚deutsch-feindlichen‘ Zivilisten und russischen Kommissaren, zum Teil zusammen mit dem EK10b und dem EK11b, im rückwärtigen Heeresgebiet der 11.Armee.

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Hamburger Abendblatt, 3. April 2015
Eimsbütteler Polizisten verbreiteten Hakenkreuz-Fotos
Rotherbaum. Nach dem „Totenkopf“-Skandal vor der jüdischen Joseph-Carlebach-Schule muss sich die Hamburger Polizei erneut mit rechtsextremem Gedankengut in den eigenen Reihen auseinandersetzen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen 52 Jahre alten Angestellten im Polizeidienst (AIP) und einen 34-jährigen Polizeibeamten. Die Männer sollen zu Weihnachten unabhängig voneinander über Whats-App Fotos eines Tannenbaums verbreitet haben, an dem Kugeln mit Hakenkreuzen hingen. Der dem Polizeikommissariat 17 (Sedanstraße) zugeordnete Angestellte im Polizeidienst ist inzwischen entlassen worden. Unter anderem hatte der Objektschützer die jüdische Schule bewacht. Am 24. Dezember hat er auf einschlägigen Seiten im Internet das Bild veröffentlicht und dazu doppeldeutig geschrieben haben: „Habe gerade den Weihnachtsschmuck aus dem Keller geholt. Alles Heil.“ Ein Polizeiobermeister des Polizeikommissariats 24 postete das gleiche Bild in einer geschlossenen Whats-App-Gruppe. Erst vor zwei Jahren hatte ein Objektschützer der Polizei hatte im Wachcontainer vor der jüdischen Schule einen Totenkopf mit aufgesetzter Dienstmütze fotografiert und das Bild bei Facebook gezeigt – nicht wenige sahen darin ein Totenkopf-Emblem der Waffen-SS.

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Israel ist das letzte Tabu der deutschen Souveränität

FAZ, 12. Mai 2015
Deutschland und Israel
(Titelkommentar, Auszug)
Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel ist auf historische, einmalige, unvorstellbare Art besonders. (…) Im Rückblick muss man sagen, dass es einem Wunder gleichkommt, dass nach den Schrecken der Vergangenheit ein so festes Band der Verbundenheit, ja der Freundschaft zwischen Israelis und Deutschen geknüpft worden ist. (…) Aber es dürfte auch klar sein, dass die Zukunft des deutsch-israelischen Verhältnisses weniger von der Vergangenheit geprägt sein wird. Neue Generationen wachsen in Deutschland heran, für welche die besondere Verantwortung für Israel – durchaus im Unterschied zur politischen Klasse – nicht mehr selbstverständlich ist. Sie gehen härter mit der israelischen Politik ins Gericht als früher. Für junge Leute mit Migrationshintergrund ist die deutsche Kollektivverantwortung, von der Adenauer sprach, schwer zu verstehen. (…) Auf Geschichte allein wird das künftige deutsch-israelische Verhältnis nicht gründen können.

Kommentar

Als die Tätergeneration noch rüstig war, brauchte die BRD die „deutsch-israelische Freundschaft“, um von den Siegermächten anerkannt zu werden. Ohne halbwegs gute Beziehungen war an einen deutschen Wiederaufstieg nicht zu denken. Nur in diesem Sinn war das deutsch-israelischen Verhältnisses seinerzeit von der Vergangenheit geprägt: Westdeutschland war noch nicht souverän und DEUTSCHLAND gab es noch nicht. Dass die jungen Deutschen heute „härter mit der israelischen Politik ins Gericht als früher“ als nach 1945 die geschlagenen Nazis, hat allein damit zu tun, dass sie es KÖNNEN, weil es heute DEUTSCHLAND als europäische Vormacht (wieder) gibt. Seit dieses DEUTSCHLAND auch noch Erinnerungsweltmeister ist, lässt es sich von niemand mehr mit Hinweisen auf „die Geschichte“ bremsen.

Die allerletzte Schranke für SUPERDEUTSCHLAND stellt jetzt nur noch Israels dar. Schon seine pure Existenz erinnert an die deutschen Verbrechen. Sie erinnert auch an den ungeplanten Abbruch dieser Verbrechen am 8. Mai 1945, denn ohne die bedingungslose Kapitulation wäre die Ermordung der europäischen Juden weiter gegangen, Rommel wäre auch nach Palästina vorgedrungen und einen jüdischen Staat gäbe es nicht.

Israel ist für die Deutschen daher ein Störfaktor, der ständig unerwünschte Erinnerungen weckt. Für die Jugend von SUPERDEUTSCHLAND ist das unerträglicher als für die alten Nazis der Adenauer-Jahre, die sich erst noch hocharbeiten mussten. Die Jungen sehen überhaupt nicht mehr ein, warum sie auf Israel Rücksicht nehmen sollten. Es macht sie aggressiv, dass die deutsche Souveränität trotz Weltmeisterstatuts bei Export, Fußball und Erinnerung in einem so kleinen Land noch eine Schranke haben soll. Daher die Drohung: „Auf Geschichte allein wird das künftige deutsch-israelische Verhältnis nicht gründen können.“ Auch diese letzte Schranke soll noch weg.

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